Quicktipp | Der Freund der Toten – ein magisches Buch

»Wie soll er Mrs Cauley erklären, dass Father Jim bloß noch ein schwacher Abklatsch des Mannes ist, der er zu Lebzeiten war? Dass sein Verstand, falls „Verstand“ das richtige Wort ist, wie bei jedem anderen toten Menschen aufgehört hat zu existieren? Denn weder verändern sich die Toten noch wachsen sie. Sie sind bloß Echos der Geschichte ihres eigenen Lebens, falsch herum gesungen. Sie sind das Muster auf den geschlossenen Augenlidern, nachdem du etwas Helles gesehen hast. Sie sind doppelt belichtete Filme. Sie sind nicht wirklich da, weshalb Ursache und Wirkung für sie keine Bedeutung haben.«

– Der Freund der Toten, S.203-204

Der Freund der Toten | Jess Kidd | aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann | September 2018 | Dumont Buchverlag | 384 Seiten

Manchmal frage ich mich ganz ernsthaft, warum gewisse Bücher so lange auf meinem Bücherstapel schlummern. Einmal begonnen, wollte ich Der Freund der Toten gar nicht mehr aus der Hand legen. Ich versuchte in jeder ruhigen Minute zu lesen und liess mich verzaubern von einer Welt voller Mystik, schrulliger Figuren und geheimnisvollen Toten. 

Die Geschichte dreht sich um Mahony, einen Hippie, wie er im Buche steht – lange Haare, unrasiertes Gesicht und immer mit seiner Lederjacke unterwegs. Er ist Mitte 20 und kommt nach Mulderrig, um mehr über das nebulöse Verschwinden seiner Mutter zu erfahren. Mahony selbst ist nämlich in einem Waisenhaus in Dublin aufgewachsen und hat erst vor kurzem durch einen Brief erfahren, dass seine Mutter Orla aus Mulderrig stammt.

»Dein Name ist Francis Sweeney. Deine Mammy war Orla Sweeney. Du bist aus Mulderrig, County Mayo. Das ist ein Foto von dir und ihr. Zu deiner Information: Deine Mammy war die Schande von Mulderrig, deshalb hat man sie dir genommen. Sie lügen alle, also sei auf der Hut und zweifele nicht daran, dass deine Mammy dich geliebt hat.«

– Der Freund der Toten, S.21

Zunächst nimmt die Dorfgemeinschaft diesen Fremden, der auf der Durchreise zu sein scheint, freundlich auf. Mahonys freundliche Art kommen an und nach dem fünften Bier im örtlichen Pub wird er vom Wirt nach Rathmore House gefahren, wo er dessen Bewohner kennen lernt, Shauna, deren Vater Desmond und Mrs. Cauley.
Vor allem Mrs. Cauley nimmt Mahony von Beginn weg in Beschlag. Sie durchschaut nämlich ziemlich schnell, warum Mahony wirklich nach Mulderrig gekommen ist und will ihn bei der Suche nach der Wahrheit unterstützen. Ging Orla Sweeney freiwillig aus Mulderrig weg, wie das ganze Dorf behauptet? Oder wurde sie umgebracht?

Als sich herumspricht, wessen Sohn Mahony ist, wandelt sich die anfängliche Freundlichkeit in Ablehnung und Hass. Denn Orla galt als Mulderrigs Schande, als Hexe und Schlampe und so haben sie auch die meisten Dorfbewohner in Erinnerung. Und vor allem wollen sie nicht, dass irgend ein dahergelaufener Fremder ihren Dreck aufwühlt. Besonders der hinterlistige Pfarrer versucht mit allen Mitteln Mahony zu vertreiben und den Nachforschungen ein Ende zu setzten. Allerdings hat er die Rechnung ohne die ebenso schlaue Mrs. Cauley gemacht, die einen raffinierten Plan ausheckt.

Parallel zur Kriminalgeschichte findet man in diesem Buch ganz viele magische Elemente. Alles beginnt mit der kleinen Ida, die Mahony auf der Strasse begegnet. Sie plaudern miteinander, doch »als sie sich umdreht, sieht Mahony, dass ihr Hinterkopf einfach nicht da ist.« (S.31)
Nach und nach begegnet Mahony den Toten von Mulderrig. Er kann sie sehen und spricht mit ihnen, mit Ida, Father Jim oder Johnnie, Mrs. Cauley’s Verlobtem. Manchmal ist das etwas gruselig, manchmal aber auch lustig oder traurig. Zugegeben es ist nicht immer ganz einfach, die Lebenden und die Toten auseinander zu halten, es sind ganz schön viele Namen, die man sich merken muss. Aber das Buch lässt sich auch einfach und flüssig lesen, wenn man nicht immer genau weiss, wer jetzt noch lebt und wer schon tot ist.
Kurz mal ein wenig ins Stocken geriet ich, als plötzlich eine Quelle mitten in der Bibliothek des Pfarrhauses sprudelte. Da dachte ich mir schon „Hä?“ und so ganz ist mir noch nicht klar, was es mit dieser Episode auf sich hatte (Will uns da das Übernatürliche sagen, dass Mahony auf der richtigen Spur ist oder der Wahrheit Nahe kommt?), aber sie ist ganz unterhaltsam zu lesen.

Der Freund der Toten ist wirklich ein ganz besonderes Buch, eine Vergangenheit voller Geheimnisse, ein gutdurchdachter Kriminalfall, schwarzer Humor, jede Menge Magie und Fantasie und ein Dorf voller einmaliger Charaktere. Was wünscht man sich mehr von einer Geschichte?
Und auch die Sprache, die Bilder passen und lassen Kopfkino vom feinsten entstehen. Ich kann euch dieses besondere Buch von Jess Kidd nur empfehlen. Für Nachschub habe ich jedenfalls gesorgt, Heilige und andere Tote ist bereits auf dem Weg zu mir.

Weitere Meinungen

»Leider gefiel mir der Roman “Der Freund der Toten” gar nicht. Weder Schreibstil, noch Figuren oder der Schauplatz konnten mich überzeugen. Meine durch den Klappentext gesteckten Erwartungen wurden auf ganzer Linie enttäuscht – weshalb ich das Buch letztlich nach rund 150 Seiten abgebrochen habe. Schade!«I am Jane

»Einnehmend. Bezaubernd. Bildgewaltig. Wunderschön. Schlagworte die zutreffen und doch mein wundervolles Leseerlebnis nicht einfangen können! Die Autorin hat mich begeistert, von der ersten bis zur letzten Zeile und ich bin entzückt, dass es noch weitere Bücher ihrer Toten gibt. Auch wenn die Geschichten und Protagonist*innen nichts miteinander verbindet, so haben sie eines gemein: die Toten, die sie sehen.«KeJas Wortrausch

»Er war immer von zweierlei überzeugt: dass seine Mutter tot ist und dass er sie gekannt hat. Um einen Verlust zu empfinden, muss er ihre Gegenwart erlebt haben. Und er empfindet ihren Verlust, schon immer.
Und deshalb sucht er schon sein ganzes Leben lang nach ihr, weil er sie geliebt hat und weil er sie verloren hat.

– Der Freund der Toten, S.123

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