Rezension | Kafka am Strand – oder wie ich resignierte

»Wir alle verlieren ständig Dinge, die uns wichtig sind“, sagte er, nachdem das Klingeln aufgehört hat. „Wichtige Gelegenheiten und Möglichkeiten, oder unwiederbringliche Gefühle. Das macht das Leben aus. Aber in unserem Kopf – oder vielleicht sogar der Kopf selbst – ist ein kleines Zimmer, in dem diese Dinge als Erinnerungen aufbewahrt bleiben. Ein Zimmer wie unsere Bibliothek. Und um über unseren genauen geistigen Zustand auf dem Laufenden zu sein, müssen wir die Karteikarten in diesem Zimmer ständig ergänzen. Wir müssen reinigen, lüften und das Blumenwasser wechseln. Anders ausgedrückt, man lebt auf Ewigkeit in seiner eigenen Bibliothek.«
– aus „Kafka am Strand“, S.632

Haruki Murakami | Kafka am Strand | aus dem Japanischen von Ursula Gräfe | April 2006 | btb Verlag | 637 Seiten

Angst, Vorfreude, Verwirrung, Ärger, Resignation und Enttäuschung. Diese sechs Emotionen beschreiben meine Reise mit und durch dieses Buch perfekt und so versuche ich meine Rezension auch anhand dieser Stationen zu gliedern. Eventuell wird das ganze dadurch etwas länger, aber ich muss mir da echt ein bisschen Lesefrust von der Seele schreiben. Und das schaffe ich wahrscheinlich nicht ohne grössere oder kleiner Spoiler darum ein kleiner Hinweis vorne weg:

*Wer das Buch noch nicht gelesen hat und darum nicht gespoilert werden möchte, der hört entweder hier auf zu lesen oder springt direkt zum Fazit vor.*

Angst & Vorfreude

Lesen wollte ich einen Murakami schon ganz lange. In den sozialen Medien hört man ja auch so einige Lobeshymnen auf den Autor. Gleichzeitig machte er mir aber auch etwas Angst, da er der japanische Kafka sein soll und diesen Typen verstand ich am Gymnasium schon nicht. So wanderte das kurzentschlossen angeschaffte Kafka am Strand erst einmal auf meinen Bücherstapel.Murakami_1 Etwa ein Jahr später nahm ich es während einer Ausmistaktion wieder in die Hand, konnte mich aber dennoch nicht davon trennen. Ein weiteres Jahr zog ins Land, bis ich es diesen Monat zusammen mit ein paar Lesefreunden endlich in Angriff nahm.

Auf die von Livia und Janine organisierte Leserunde freute ich mich sehr, konnte mir doch das gemeinsame Lesen etwas die Angst nehmen. Ich erhoffte mir, durch die unterschiedlichen Sichtweisen einen besseren Zugang zur Geschichte zu bekommen und Dinge zu entdecken, die mir alleine unverständlich geblieben wären. Und zumindest das Entdecken von verborgenen Dingen bewahrheitete sich ziemlich schnell. Den Zugang zur Geschichte vermisse ich nach wie vor, aber dazu erzähle ich euch im nächsten Abschnitt mehr.

Verwirrung & Ärger

Kommen wir nun also zum Buch selbst. Es erzählt die Geschichte von Kafka Tamura, der an seinem 15. Geburtstag von zu Hause ausreisst und sich von da an mehr oder weniger von seinem Schicksal treiben lässt. So landet er in Takamatsu und in der Komura Gedächtnisbibliothek und einige sehr mysteriöse Dinge geschehen. Zudem orientiert sich Kafkas Geschichte am Ödipus Mythos, so dass sich einige Ereignisse auch erahnen lassen.
Parallel zu Kafkas Geschichte verfolgt Murakami auch jene Ereignisse um Nakata, der als Kind durch ein mysteriöses, ungeklärtes Phänomen einen Grossteil seiner geistigen Fähigkeiten einbüsste. Nun kann er zwar weder lesen noch schreiben, dafür aber mit Katzen sprechen und Fische vom Himmel regnen lassen.

»Eine Geschichte entsteht erst durch einen grossen Wendepunkt. Durch eine unerwartete Entwicklung. Das Glück hat nur ein Gesicht, aber das Unglück hat für jeden Menschen ein anderes.«
– aus „Kafka am Strand“, S. 220

Was zu Beginn noch recht normal erscheint, wird Seite um Seite rätselhafter und zu einem übersinnlichen Wahnsinnstrip mit Beethoven, Johnny Walker, und glibberigen Wurmwesen. Die Realität wird einfach mal komplett ausgehebelt. Es ist die Rede von halben Schatten, leeren Gefässen und Eingängen in andere Welten.
Mir wurde das irgendwann zu abgedreht und verkopft, ich sah weder diese angeblichen Zusammenhänge zwischen den einzelnen Geschichten noch checkte ich die vielen Metaphern and Anspielungen auf andere Werke. Ich war einfach nur verwirrt und hatte das Gefühl ein komplett anderes Buch zu lesen als meine Leserundengspändli. Ich erkannte weder die Verbindung von Nakata und Kafka, noch verstand ich, warum auf Kafka dieser ödipale Fluch liegen sollte. Und was hatte es nochmal mit diesem ganzen Blut auf sich? Ich fühlte mich ein bisschen in meine Schulzeit zurück versetzt, wo einige meiner Klassenkameradinnen die tiefgründigsten Dinge aus Texten heraus lasen und ich einfach nur wie der Esel am Berge dastand und mir ganz schön blöd vorkam.

Murakami_2

Meine Verwirrung schlug so recht schnell in Ärger um. Als ich mir diesbezüglich bei meinem Partner etwas Luft machen wollte und ihm zu erklären versuchte, worum es eigentlich genau geht und was mich stört, artete das in einem mindestens halbstündigen Monolog aus.
Trotzdem gab es mir der Kopf nicht zu, das Buch abzubrechen. Ich wollte es lesen, ich wollte verstehen und sehen und genau so begeistert sein, wie viele vor mir. Und wenn nicht, dann wollte ich wenigstens behaupten können, dass ich es versucht habe.

Resignation & Enttäuschung

Und so las ich weiter, verstand immer weniger und wurde immer frustrierter. Bis ich irgendwann dachte „Scheiss drauf! Jetzt liest du einfach und denkst dir nichts dabei.“ Und wisst ihr was? Es hat geholfen. Nicht, dass ich plötzlich alles verstand oder das Buch richtig mochte, aber ich konnte mich einfach von der Geschichte tragen lassen, den Roadtrip, das Abenteuer dahinter sehen und ein klein wenig geniessen. Ich hatte quasi ein bisschen resigniert und mich damit abgefunden, dass ich wohl die tiefere Bedeutung dieses Buches nicht erfassen würde. Aber vielleicht würden ja ein paar offene Fragen noch geklärt.

»Aber wessen Leben hatte den schon einen eindeutigen Sinn? Das Wichtigste und Schwerwiegendste für den Menschen ist die Art seines Todes, dachte Hoshino. War die Art, wie man starb, nicht sogar wichtiger als die Art, wie man lebte?«
– aus „Kafka am Strand“, S 556

Murakami_3Ich wurde wohl ein bisschen zu hoffnungsvoll gegen das Ende hin, denn Antworten auf meine Fragen erhielt ich keine. Vielmehr endet jede der einzelnen Geschichten völlig im Leeren und wirft noch einmal neue Fragen auf. Selten lässt mich ein Plot so unbefriedigt, enttäuscht und ratlos zurück. Versteht mich nicht falsch, ich habe nichts gegen ein paar Rätsel in einer Geschichte, etwas skuril darf sie auch gerne mal sein und für alles und jedes brauche ich auch keine Erklärung. Aber in diesem Buch ist es mir einfach von allem etwas zu viel. Es wird am Ende einfach gar nichts aufgelöst. Ich erhalte weder eine Ahnung davon, was der Hintergrund ist oder ob es ein übergeordnetes Thema gibt. Einfach nichts!
Ich war einmal mehr frustriert ab dem Buch, aber wenigstens hatte ich es jetzt zu Ende gelesen.
Was man dem Buch jedoch zugute halten muss, ist Murakamis zugänglicher Schreibstil. Seine Sprache ist leicht verständlich, flüssig und in den Beschreibungen sehr atmosphärisch. Aber über meine gesamte Enttäuschung gesehen, hatte dies dann auch kein grosses Gewicht mehr.

Fazit

Tja, was soll ich in meinem Fazit noch schreiben…
Mir war der Plot zu abgedreht und verschroben, ich konnte den tieferen Sinn der Handlung nicht erfassen und Missgriffwurde von einer schrägen Situation in die nächste geworfen. Ich verstand weder die Metaphern noch die Anspielungen auf andere Werke und zeitweise konnte ich ab dem vielen philosophischen Geschwätz nur die Augen rollen.
Ich sehe ganz einfach den Sinn nicht darin, Bücher zu schreiben, wo irgendwie die Hälfte der Handlung unergründlich bleibt. Nein, Kafka am Strand ist wahrlich nicht mein Lieblingsbuch und ich habe wohl auch für eine sehr lange Zeit Murakami gelesen.

Weitere Meinungen

»“Kafka am Strand“ hat mich berührt und begeistert und in eine ganz eigene Welt entführt, auf die man sich einlassen muss, die aber – sobald man die Logik unserer Welt gedanklich ausser Kraft setzt – mit ganz eigenen Regeln und sehr spannenden Ereignissen überzeugen kann.« – Samtpfoten mit Krallen

»Ich kann den Hype nicht nachvollziehen und wüsste ehrlich gesagt nicht, wem ich dieses Buch empfehlen könnte.« – insipid & prätentiös

»Insgesamt hat mir der Roman, der so vielschichtig ist und sich eindeutigen Interpretationen ein Stück weit entzieht, sehr gefallen. Denn letztendlich geht es die ganze Zeit um eine Suche, die Suche nach dem Sinn des Lebens.« – the lost art of keeping secrets

»Ich habe nicht alle Metaphern in diesem Buch verstanden. Vieles bleibt kryptisch und nicht alle Fragen werden geklärt. Trotzdem hat mir das Buch sehr gut gefallen. Ich wollte trotzdem immer wissen, wie es weitergeht und es war für mich auch nicht langweilig durch den besonderen Schreibstil. « – Mellis Buchleben


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16 Kommentare zu „Rezension | Kafka am Strand – oder wie ich resignierte

  1. Liebe Daniela,
    ich hatte zwar eh nicht vor, das Buch zu lesen und der Autor steht generell nicht auf meiner Leseliste, weil ich glaube, dass sein Schreibstil etwas sperrig ist und ich die Verwandlung von Franz Kafka damals abgebrochen habe und furchtbar fand :D
    Aber ich wollte dir einfach mal sagen, dass ich die Rezension und das Konzept mit der Strukturierung nach deinen Gefühlen richtig großartig finde! das hat trotzdem Spaß gemacht zu lesen, was sehr interessant und nachvollziehbar.
    Liebe Grüße
    Yvonne

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Yvonne,
      Der Schreibstil von Murakami fand ich zwar nicht mal schlecht, aber durch die wirre Thematik und das ganze drum und dran ging der beinahe etwas unter. Das Buch liest sich also sehr flüssig und leicht.
      Das mit der Strukturierung war eine sehr spontane Entscheidung. Ich habe mir einfach überlegt, was das Buch in mir ausgelöst hat und das waren ganz schön viele Emotionen, so wollte ich das irgendwie mit einfliessen lassen.
      Hab ein schönes Wochenende!
      Grüessli, Daniela

      Gefällt 1 Person

  2. Hallo meine Liebe

    Es ist wirklich total schade, dass du den Zugang nicht gefunden hast, auch wenn es mit der Zeit ein wenig besser wurde. Dein Kampf mit dem Buch – und daraus folgend auch der Kampf mit der Rezension – erinnert mich an meinen Kampf mit „Ein wenig Leben“, was wirklich interessant ist, da wir ja beide Bücher gemeinsam gelesen haben. Aber diese beiden genannten Bücher haben bei uns ganz andere Emotionen ausgelöst und Eindrücke hinterlassen.

    Ich entdecke auch sonst einige Bücher bei dir, die ich schon kenne, und bei denen ich oft sehr einig bin mit dir, ich hole mir ja auch Tipps bei dir und würde jetzt nicht sagen, dass unser Lesegeschmack komplett unterschiedlich wäre, aber ja, manchmal will es einfach nicht sein.

    Schade ist es besonders, da ich Murakami bisher immer sehr gerne lese und ich mir natürlich gewünscht habe, dass es dir ähnlich ergehen würde. Aber vielleicht sollte es einfach nicht sein.

    Ich wünsche dir ein sehr sonniges Wochenende und wir lesen uns
    Livia

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Livia,
      ja, das habe ich mir auch gedacht. Zwei Bücher haben wir zusammen gelesen und jedesmal war eine von uns begeistert und die andere nicht. Das ist schon ein lustiger Zufall. Aber so macht es das gemeinsame Lesen auch sehr spannend, weil man sich ganz anders austauschen kann, als wenn wir beide einfach nur schwärmen (oder auch ablästern) würden.
      Ich bin ja mal gespannt, wie es dann bei der dritten gemeinsamen Leserunde ist. :)
      Grüessli und schöns Weekend!
      Daniela

      Gefällt mir

  3. Hey Daniela,
    trotz allem mag ich Deine Rezension. Leider kann nicht jedes Buch jeden überzeugen, weil die Geschmäcker so unterschiedlich sind. Aber gerade das ist ja manchmal auch das Tolle.
    Ich habe dieses Buch sehr gerne mit euch zusammen gelesen. Dabei habe ich tatsächlich so vor mich hingelesen und mochte den Schreibstil richtig gerne. Zu den ganzen Rätseln habe ich mir gar nicht sooo viele Gedanken gemacht.
    Ich freue mich, dass Du das dann zum Ende hin zumindest auch ein bisschen erleben konntest – also die Geschichte an sich, ohne die Metaphern genauer zu hinterfragen.
    Ich würde mich freuen, wenn ein gemeinsames Lesen mal wieder klappt :)
    Liebe Grüße Melli

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Melli,
      Zum Glück sind die Geschmäcker so unterschiedlich :) Ich fand, das gab der Leserunde auch etwas Würze, es wäre ja irgendwie auch langweilig gewesen, wenn wir alle hin und weg gewesen wären von der Geschichte.
      Es würde mich freuen, wenn es wieder einmal ein gemeinsames Lesen geben würde.
      Grüessli, Daniela

      Gefällt mir

  4. Eine schöne Rezension, die sich durch die Untergliederung in deine Gefühle gut lesen ließ und mal eine andere Strukturierung war und so Abwechslung in die Rezension gebracht hat. Allgemein war interessant deine verschiedenen Gedanken zu dem Buch zu folgen. Den Ödipus Konflikt hat mich in der Schule in Päda schon genervt, und ich habe mich gefragt wie viele Drogen Freud dabei geraucht hat, deswegen würde mich der Aspekt im Buch bestimmt nerven. Außerdem mag ich am Ende nicht, wenn es gar keine Antworten gibt, zwar mag ich sehr gerne offene Enden, doch ein Lost-Ende, wo einfach nicht beantworten wurde, brauche ich nicht.

    Alles Liebe

    Nadine

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Daniela,
      mir erging es anfänglich genauso wie Dir!
      Ich war unglaublich frustriert, doch ich musste einen Buchvortrag über “Kafka am Strand” halten und war gezwungen mich auf die Suche nach einer Erklärung für all diese verwirrenden Geschehnisse zu machen. Schlussendlich fand ich ein englisches YouTube-Video (eigentlich ist es gegen mein Lese-Ego danach zu suchen, aber ich war wirklich verzweifelt), welches mir wahnsinnig geholfen hat! Ich hoffe es kann Dir auch den Zugang erleichtern! Der Link ist https://m.youtube.com/watch?v=RCP0LvSgGCQ&t=687s

      LG Lisa :)

      Gefällt 1 Person

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