Rezension | Blutlauenen – eine Geschichte voller Abgründe, Fallen und falscher Fährten

Blutlauenen | Christof Gasser | Emons Verlag | Februar 2019 | 320 Seiten
Dieses Buch ist ein Leseexemplar, was meine ehrliche Meinung nicht beeinflusst hat.

»Als sie die Tasse für den letzten Schluck zu den Lippen führte, hielt sie abrupt inne. Einen Augenblick lang machte es den Anschein, der Stein wäre lebendig. Im Rubinrot lag eine Bewegung, wie Blut, das durch Adern floss.«
– S.75

Es ist ja ein Ding der Unmöglichkeit über alle Neuerscheinungen auf dem Laufenden zu sein, zumindest für mich. Umso mehr freue ich mich, wenn ich auf neue Bücher aufmerksam gemacht werde, insbesondere, wenn sie genau meinem Lesegeschmack entsprechen. So geschehen mit Blutlauenen von Christof Gasser, dass sich wirklich sehen – oder lesen – lassen kann.

10 kleine Jugendfreunde

Wer kennt den Abzählreim »10 kleine Negerlein« nicht, so brutal und politisch inkorrekt er auch sein mag. Zahlreiche Künstler haben da schon ihre eigenen Versionen fabriziert Zehn kleine Jägermeister der Toten Hosen zum Beispiel oder 10 chliini Appenzeller vom Schweizer Rapper Bligg. Aber auch die Queen of Crime Agatha Christie hat sich in ihrem Buch Und dann gab’s keines mehr mit diesem Reim auseinander gesetzt.
Und so ist es auch geschehen in Gasser’s Blutlauenen. Eine Clique von Jugendfreunden trifft sich in einem Jagdhaus im Berner Oberland, um über alte Zeiten zu plaudern und die Freundschaft wieder aufleben zu lassen. Doch bereits beim ersten Abendessen stirbt einer der Freunde und die gute Stimmung erleidet einen ersten Dämpfer. In der Nacht zieht zu allem Übel auch noch ein Schneesturm über die Alp, so dass alle Verbindungen zur Aussenwelt gekappt sind. Am Morgen darauf findet man den zweiten Toten. Blutlauenen_1Doch während man beim ersten Todesfall noch von einem Herzversagen hätte ausgehen können, so ist der zweite ganz klar Mord. Völlig auf sich alleine gestellt verdächtig jeder jeden und eine alte Geschichte um gestohlenes Nazi Raubgold wirft weitere Fragen auf.
Bereits nach wenigen Seiten sind wir Leser*innen auch schon mitten in der Geschichte, für die ersten beiden Morde werden nicht einmal 100 Seiten verplämpert. Auch mit Spannung wird nicht gegeizt. Getreu nach dem Abzählreim folgt ein Toter auf den nächsten und in Rückblenden werden nicht nur die Beziehungen der Freunde untereinander, sondern auch die ganze Sache mit dem Nazigold so langsam aufgerollt. Wie ein Puzzle setzt sich so nach und nach ein Bild zusammen, das einem schaudern und in tiefe menschliche Abgründe blicken lässt. Und manches Mal auch auf eine falsche Fährte lenkt.

»Sie war Journalistin. Sie recherchierte, hinterfragte, informierte. Sie war keine Richterin und erst recht keine Vollstreckerin. Der Kampf ums Überleben hatte sie dazu getrieben. […] Wie dünn war die Grenze zwischen Mensch und Monster?«
– S. 307

Wenn der Handlungsort seine eigene Rolle spielt

Aber nicht nur der Plot mit seinen Twists und Abzweigungen in die Vergangenheit bringt die Spannung auf Hochtouren, in Blutlauenen übernimmt diese Rolle auch zu einem grossen Teil der Handlungsort. Ein opulentes Jagdhaus (beinahe schon ein Jagdschloss) in den Berner Alpen an der Grenze zur französischsprachigen Schweiz, fern von jeglicher Zivilisation gelegen, grausige Jagdtrophäen, ein unheimlich leuchtender Rubin, das unwirtliche Wetter, das alle Verbindungen zur Aussenwelt kappt, Nebel, Schnee und Regen. Gepaart mit den unheimlichen und brutalen Ereignissen entwickelte da meine Fantasie ein Eigenleben, hinter jedem Knarzen und Knarren vermutete ich den nächsten Schrecken. Dass mich ein Handlungsort derart in seinen Bann ziehen konnte, ist mir das letzte Mal bei der Lektüre von Loney von Andrew Michael Hurley passiert, was doch schon ein paar Jährchen her ist. Es spricht aber auch für die Qualität des Autors, seine Geschichte in einem Setting anzusiedeln, dass nicht passender sein könnte.

Blutlauenen_2

Als kleiner Kritikpunkt zum Schluss kann ich vielleicht erwähnen, dass mich die Auflösung der ganzen Geschichte nicht sonderlich aus den Socken gehauen hat. Bereits zu Beginn hatte ich eine vage Ahnung, wer der Drahtzieher hinter dem ganzen Arrangement sein könnte. Und ich lag mit meiner Vermutung schlussendlich auch goldrichtig. Allerdings tat dieser Umstand der Spannung und dem Verwirrspiel überhaupt keinen Abbruch, denn manchmal ist ja bekanntlich der Weg das Ziel. Und diesen Weg beschreibt Christof Gasser meisterlich.

»Sie sahen sich an. Es bestand kein Zweifel mehr: Eine fünfte Person befand sich mit ihnen im Haus – Alexanders Mörder.«
– S. 234

Fazit

Blutlauenen ist ein Buch, das mich begeistern und mitreissen konnte. Bereits nach nicht einmal 100 Seiten passiert der erste Mord und die Geschichte entwickelt Lese-Tippsich ebenso rasant weiter. Nichts für schwache Nerven also. Die Details werden nach und nach enthüllt, so dass sich wie bei einem Puzzle langsam ein Bild aus Vergangenheit und Gegenwart formt.
Ebenso wie diese Enthüllungen und die Geschichte in der Vergangenheit konnte mich aber auch der Handlungsort, das Jagdschloss und die abgeschiedene Alp begeistern und so sehr gefangen nehmen, dass meine Fantasie ein Eigenleben entwickelte. Bei dieser Geschichte passt einfach alles zusammen.

Weitere Meinungen

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