Writing Friday Special | Das besondere Geschenk

Writing_Friday_Special

24 Tage – 24 Geschichten

Das ganze Jahr hindurch organisierte Elizzy vom Blog read books and fall in love den Writing Friday und lieferte uns jeden Monat tolle neue Schreibthemen. Und auch wenn ich manches mal aussetzte und meine Muse nicht fand, so las ich immer mit Vergnügen die Beiträge der anderen Teilnehmer und Teilnehmerinnen.
Umso mehr freute ich mich darum auch, dass der Dezember mit einer ganz besonderen Aufgabe aufwartete, einem Adventskalender mit 24 weihnachtlichen Geschichten. Gestern durftet ihr bereits die zweitletzte Geschichte bei Emma lesen und heute an Heilig Abend geht es bei mir weiter. Lest morgen auch unbedingt den Abschlussbeitrag bei Elizzy auf dem Blog.

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Das besondere Geschenk

Dicke, schwere Flocken schwebten langsam der Erde entgegen. Die Latten der Gartenzäune trugen lustige Hütchen, die Autos versteckten sich unter einer weissen Haube und die Mülltonne im Hinterhof war unter einem ganzen Haufen dieser weissen Pracht verborgen. Langsam wurde es dunkel, allerdings verbreiteten die Strassenlaternen ihr gelbes Licht noch nicht.
Tobi sass in seinem Zimmer am Fenster, drückte die heisse Stirn an die kalte Fensterscheibe und gähnte. Er konnte nicht begreifen, warum immer er und nicht seine  kleine Schwester Ida oder Lukas in den Weihnachtsferien mit Fieber und einem bösen Schnupfen im Bett landete. Writing_Friday_1Den ganzen Nachmittag über hatte er schlapp auf dem Sofa gelegen, den Pyjamaärmel voll geschnäuzt und seine Mutter und Ida beobachtet, wie sie geschäftig um die deckenhohe Tanne herumscharwenzelten. Ab und an gab er seinen Senf dazu, dass blau und rot doch nicht wirklich zusammen passten und sie doch besser die goldenen Kugeln genommen hätten. Irgendwann gaben die zwei ihm zu verstehen, dass sie jetzt den Weihnachtsbaum schmückten und er nichts zu melden hätte. Da verzog sich Tobi in die Küche zu seinem Papa, der – wie jedes Jahr – seinen berühmten Weihnachtsbraten vorbereitete. Doch auch hier war er nicht wirklich willkommen und schien immer im Weg zu stehen.
»Ab ins Bett mit dir Tobi, nicht dass du mir noch über das Gemüse hustest. Und zieh dir Socken an, mit diesen kalten Füssen wirst du ja nie gesund.« Freundlich aber bestimmt komplementierte ihn auch sein Vater aus der Küche.

So war Tobi wieder in seinem Zimmer gelandet, wo er nichts mit sich anzufangen wusste, ausser auf dem Fensterbrett zu kauern und dem Schneegestöber zuzuschauen. Die Füsse waren eiskalt, die Nase lief und die Stirn glühte, aber ins Bett wollte er nicht. Es war Heilig Abend, verdammt! Da war man nicht krank. Da schmückte man den Weihnachtsbaum, packte die letzten Päckchen ein oder half in der Küche beim Gemüse schnippeln. Wenigstens würde er hier am Fenster als erster der Familie mitbekommen, wie sein Patenonkel, der in London lebte, ankam um das Weihnachtsfest mit ihnen zu feiern.

Irgendwann musste Tobi doch eingeschlafen sein. Als er wieder aufwachte lag er nämlich in seinem kuschelig warmen Bett, zu seinen Füssen war eine Wärmeflasche und aus dem Wohnzimmer hörte er gedämpfte Stimmen. ›Sie werden wohl schon ohne mich angefangen haben‹, dachte er und drehte sich auf die Seite, um seine Füsse aus dem Bett zu schwingen. Doch das ging nicht, etwas grosses und schweres lag auf der Bettdecke. Und es bewegte sich.
»Ach, du bist ja wach. Fühlst du dich etwas besser?«
Die Stimme seines Patenonkels liess Tobi vor Freude quieken. »Du bist hier!« Überglücklich schlang er seine Arme um dessen Hals »Ich habe dich so vermisst.« Vergessen war der heisse Kopf und die laufende Nase.
Der Patenonkel musste lachen, seine Brust vibrierte »Oh my dear Tobi! Was machst du nur für Sachen, ich habe dich schlafend am Fenster gefunden, mit eiskalte Füssen und Händen.«
»Ich wollte doch auf keinen Fall verpassen, wie du bei uns ankommst und der erste sein, der dich begrüsst. Ich konnte heute ja überhaupt nichts mithelfen.« Jetzt wo er es aussprach, kam sich Tobi ganz schön töricht vor. Mit kalten Füssen konnte er ja nicht gesund werden. Beschämt guckte er auf seine Hände, die die Bettdecke zerknautschten.
Sein Patenonkel verwuschelte ihm lachend mit einer Hand das Haar. Mit der anderen Hand langte er hinter seinen Rücken und holte ein Päckchen hervor. »Oh boy! Du bist der erste, der heute Abend sein Päckchen auspacken darf. Writing_Friday_3Ich habe hier etwas für dich, etwas ganz spezielles.« Voller Vorfreude streckte Tobi seine Hände aus und griff nach dem Geschenk. Langsam wickelte er es aus dem bunten Papier und machte grosse Augen, als er ein altes, in Leder gebundenes Buch in den Händen hielt. Es war schwer und roch nach feuchten Bettlaken, altem Leder und Staub. In goldenen Lettern war der Titel ins Leder geprägt A special gift. Vorsichtig fuhr Tobi mit seinen Fingern über die Prägung und klappte das Buch auf. Andächtig blätterte er durch die Seiten. »Was ist das?« flüsterte er.
»In England gibt es die Legende von Gilbert dem Weihnachtselfen,« erklärte der Patenonkel » Gilbert wurde vom Weihnachtsmann persönlich ausgewählt, das grösste und schönste Geschenk für ein Mädchen zu finden, das alles, was es bekam teilte.«
Tobi hörte gebannt zu »Und was hat er ihr geschenkt?«
»Du hälst es in den Händen Tobi. Gilbert hat ihr jeden Tag bis zu Weihnachten eine Geschichte geschenkt, aber nicht irgendwelche. Das sind echte Geschichten Tobi, solche zum Träumen, zum mitfiebern, Geschichten über Fabelwesen, wunderbare Menschen und grosse Wunder. Und sie alle sind voller Magie.« Tobis Patenonkel lächelte.
Tobi blätterte noch immer durch das Buch. »Aber warum fehlt denn da eine? Die letzten Seiten sind ja leer.« Verwundert blickte Tobi auf.
»Die letzten Seiten sind für deine Geschichte Tobi, denn auch sie ist ein Teil von Gilbert’s Geschenk.«
Gerührt schaute Tobi seinen Patenonkel an. »Liest du mir vor?«
Noch immer mit einem Lächeln auf den Lippen kuschelte sich der Patenonkel zu Tobi unter die Bettdecke und schlug die ersten Seiten auf »Bist du bereit?« Tobi nickte und mit seiner tiefen Stimme begann der Onkel vorzulesen »Die weisse Landschaft schien unberührt, weit und breit war kein Lebewesen…«

Zufrieden und schläfrig kuschele sich Tobi an seinen Patenonkel. Das war mit Abstand das beste Geschenk, dass er je zu Weihnachten bekommen hatte und er wusste schon ganz genau, welche Geschichte er für dieses Mädchen aufschreiben würde.


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