Missgriff | So wie du mich kennst – wenn dich die Leseunlust packt

»Ich mochte die Eingrenzung von Abläufen, ich mochte es, zu wissen, dass es für alles ein Ende gab; die Ironie daran war mir an diesem Morgen bewusst, als ich zehn Umzugskartons kaufte, sie an den Schrank im Wohnzimmer lehnte, mich auf den Boden davor setzte – und dort nach einer Stunde noch immer sass.«

– So wie du mich kennst, S. 153

So wie du mich kennst | Anika Landsteiner | April 2021 | S. Fischer Verlag | 352 Seiten

Einmal ist immer das erste Mal, oder? Nun ist es also soweit, dass ich eine kurze Rezension schreibe zu einem Buch, dass ich nicht fertig gelesen habe, weil ich das Bedürfnis verspüre, etwas zu der Geschichte zu sagen. Ich habe echt lange mit mir gerungen, ob ich weiter lesen oder es lieber lassen soll. Ich habe versucht, das Buch zu mögen, versucht, bis zu den Schlüsselszenen zu lesen, aber ich musste vorher Forfait erklären. Warum möchte ich nun versuchen zu erklären. 

Karlas Leben ist stehengeblieben. Sie trägt eine Urne nach Hause, darin die Asche ihrer Schwester Marie. Und plötzlich ist nichts mehr so, wie es einmal war. Marie war Karlas Seelenverwandte, ihr Kompass in diesem Chaos, das sich Leben nennt. Und während sich dieses Chaos um sie herum einfach weiterdreht, reist Karla nach New York, um dort die Wohnung ihrer Schwester aufzulösen. Als sie Fotos findet, die so verstörend wie alltäglich sind, fragt sie sich, wie gut sie Marie wirklich kannte. Die Schwester, die so ganz anders lebte als sie. Die erfolgreich und selbstbewusst war. Was Karla auf den Bildern sieht, verändert ihren Blick auf Marie, ihren Blick auf sich selbst und auf das ganze Leben vor ihr. (Quelle: S.Fischer Verlage)

Ich habe mich echt so gefreut auf dieses Buch, umso mehr bin ich nun enttäuscht, dass es einfach nichts wurde mit uns zweien. Und genau so schwierig ist es zu fassen zu kriegen, warum ich So wie du mich kennst nicht zu Ende lesen konnte. Es war nämlich so eine generelle Unlust, ich wollte einfach nicht zu diesem Buch greifen oder auf BookBeat weiter hören. Was bei Eine Frage der Chemie noch so vortrefflich klappte, funktionierte hier überhaupt nicht. Und ich glaube, es lag einfach an der Konstruktion der Geschichte selbst. Irgendwie fand ich so überhaupt keinen Zugang, weder zu den Figuren, noch zu den Orten oder zum Thema. Mir war alles zu distanziert, zu ordentlich und inszeniert. Die Dialoge – ehrlich – ich glaube nicht, dass ich im Real Life schon einmal solch perfekt durchdachte Gespräche gehört hab. Da versteckte sich gefühlt hinter jedem zweiten Wort eine Botschaft. Das mag durchaus eine schriftstellerische Leistung sein, allerdings ist es auch einfach ermüdend zu lesen. Und mich persönlich konnte es wie gesagt überhaupt nicht erreichen. Ebenso wenig konnte ich mich in Karla hineinversetzen und ihre Trauer nachspüren. Ich kaufte ihr die Untätigkeit und die dann doch wieder sehr spontanen Entscheidungen nicht ab. Auch da war mir alles zu inszeniert und auf Effekt bedacht.

»Es hatte Marie immer entsprochen, zu gehen, und es hatte mir immer entsprochen, zu bleiben. Da war nichts Schlechtes dran. Es war einfach so.«

So wie du mich kennst, S. 49

Da ich von Instagram und anderen Rezensionen wusste, dass es in diesem Buch nicht nur um Trauer und Geschwisterbeziehungen geht, nahm ich mir vor, wenigstens bis zu den Schlüsselszenen zu lesen, welche die häusliche und sexualisierte Gewalt thematisieren sollten. Leider bin ich nicht wirklich bis zu diesen Szenen vorgedrungen. Nur kurz am Rande wurde so etwas in Maries Erinnerung an ihre Ehe erwähnt. Ich habe allerdings bereits vorher kapituliert, die Unlust war einfach zu gross.
Allerdings gehe ich ohne die Szenen genau zu kennen (ich habe nur noch quergelesen) doch eins mit einigen meiner Mitrezensent*innen, eine Triggerwarnung wäre in diesem Fall angebracht gewesen. Einzig aufgrund des Klappentextes lässt sich nämlich nicht erahnen, was alles auf uns Leser*innen zu kommt und für sensible oder „vorbelastete“ Personen mag dass dann zu viel sein. Trauer ist ja per se auch kein einfaches Thema, kombiniert mit häuslicher und sexualisierter Gewalt verlangt es einiges ab.

Fazit

Leider konnte mich So wie du mich kennst absolut nicht abholen und zwar auf keiner Ebene. Ich konnte mich weder in die Figuren hineinversetzen, noch lösten die Handlungsorte oder die Themen irgendetwas in mir aus. Es befiel mich gar eine richtige Lese-Unlust. Was total Schade ist, da die Themen Trauer, Geschwisterbeziehungen und auch häusliche Gewalt an und für sich spannend und wichtig sind und auch so viel Potential geboten hätten. Doch leider war mir das ganze zu durchdacht und inszeniert, als dass es mich irgendwie erreicht hätte. Allerdings kann ich durchaus nachvollziehen, warum einige das Buch so gut und wichtig fanden, nur für mich war es leider nichts.

Weitere Meinungen

»“So wie du mich kennst“ von Anika Landsteiner ist ein Buch über Trauer, Erinnerung, Familie und häusliche Gewalt. Es ist eine bewegende Geschichte mit einer Botschaft von gesellschaftspolitischer Tragweite. Ein berührender Roman zwischen New York und Unterfranken, zwischen Trauer und Aufbruch, zwischen Gewalt und Liebe.«Mint & Malve

»„So wie du mich kennst“ ist ein berührender, tiefgründiger und warmherziger Roman vor der einzigartigen Kulisse New Yorks. Mitten aus dem Leben gegriffen, modern und von der ersten bis zur letzten Seite an einfach wundervoll zu lesen.« Lesendes Federvieh

»Ich habe die Geschichte gerne gelesen, allerdings war sie für meinen Geschmack etwas zu perfekt konstruiert, so dass ich nicht so recht Zugang fand und emotional leider nicht abgeholt wurde.« Buchstabenträumerei

»Für mich war „So wie du mich kennst“ von Anika Landsteiner ein eher semi-gutes Buch. Ein Familienroman über Trauer, Verlust und Trauerbewältigung. Es wurden zu viele Themen angesprochen, der Gedanke aber nicht zu Ende gedacht. Es war nichts Ganzes und nichts Halbes.«Librovore


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3 Kommentare zu „Missgriff | So wie du mich kennst – wenn dich die Leseunlust packt

  1. Ist denn der Klappentext ein anderer als der auf der Seite des Fischer Verlags, in dem es, wie auch bei dir, heißt „Karlas Leben ist stehengeblieben. Sie trägt eine Urne nach Hause, darin die Asche ihrer Schwester Marie.“?

    Denn deutlicher kann man ja kaum ansprechen, dass es inhaltlich auch um Trauer gehen wird!?

    Allerdings gebe ich zu, an sich kein Freund von Triggerwarnung, Sensitivity Reading und ähnlichem zu sein, aber dazu wurden schon genug Grundsatzdiskussionen geführt, Nachbarschaftsstreitigkeiten ausgetragen, Ehen geschieden … ;-)

    Gefällt 1 Person

    1. Nein, der Klappentext ist nahezu der selbe. Und es geht mir auch gar nicht um das Thema Trauer, denn wie du sagst, das lässt sich aus dem Klappentext heraus lesen. Allerdings geht es im Laufe der Geschichte auch um häusliche und sexualisierte Gewalt und da kann ich mir schon vorstellen, dass sich der ein oder andere getriggert fühlen kann (Die Szenen sind schon heftig, hab da mal kurz quergelesen). Grad auch in Kombination mit dem Thema Trauer, dass per se ja auch kein einfaches Thema ist. Da wäre für mein Empfinden eine kurze Anmerkung wirklich angebracht gewesen (ansonsten bin ich auch nicht der grösste Fan davon).

      Gefällt 1 Person

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