Rezension | Die Wunderfrauen – Von allem nur das Beste

»In dieser Nacht fand Luise nur schwer in den Schlaf. Sie wälzte sich im Bett herum und dachte darüber nach, dass Helga einfach so wieder in ihr Leben spaziert war. Jahrelang hatte sie versucht, den Vorfall aus ihrer Erinnerung zu verbannen, und dennoch geahnt, dass das Ganze noch nicht ausgestanden war.«

– S. 106

Die Wunderfrauen – Von allem nur das Beste | Stephanie Schuster | Februar 2021 | S.Fischer Verlage | 480 Seiten
Leseexemplar

Kurz zum Inhalt

Zu Beginn der 1960er Jahre, den Swinging Sixties, ist viel zu tun in Luise Dahlmanns kleinem Laden, er ist ihr ganzer Stolz. Die Regale sind prall gefüllt mit allem, was das Herz begehrt: frische Waren aus dem Umland und Feinkost aus der ganzen Welt. Luise möchte mit der Konkurrenz mithalten, die Kunden wünschen sich plötzlich Selbstbedienung, suchen nach Angeboten und fragen nach dem Rezept für das Sonntagsessen.
Drei Frauen sind in diesem Jahrzehnt voller Umbrüche an ihrer Seite: Die alleinerziehende Helga, die nun als Ärztin arbeitet, ihre Schwägerin Marie, die inzwischen vier Kinder hat und Annabel, deren Familie nach einem Schicksalsschlag zu zerbrechen droht. Das Leben hat die vier Frauen in den letzten Jahren enger verbunden als sie dachten. Und sie merken: Gemeinsam kann man aus Träumen Echtes erschaffen. (Quelle: S.Fischer Verlage)

Die Swinging Sixties

Wie schon im Vorgängerband fühlte ich mich auch im zweiten Teil der Wunderfrauen-Trilogie wunderbar in der Zeit zurück versetzt. Stephanie Schuster nimmt uns dieses Mal mit in die Swinging Sixties, zu elektrisierenden Musikklängen, Miniröcken und den ersten Selbstbedienungs-Supermärkten. Und der Zeitgeist dieser beschwingten Ära wird auch richtig gut wiedergegeben. Zum Anfassen und mitfühlen quasi. Man spürt, Veränderungen liegen in der Luft, die Musik wird rockiger, die Mode gewagter und der Ruf nach Unabhängigkeit und Selbständigkeit lauter. Das hat mir wieder sehr gut gefallen, kombiniert mit der Landschaft um den Starnbergersee und dem bayrischen Dialekt wurde die Geschichte so richtig authentisch und stimmig.
Dazu tragen auch die vielen kleinen und grösseren zeitgeschichtlichen Ereignisse, Dramen und Skandale bei, die die Autorin gekonnt in ihre Story einflicht. Besonders nahe ging mir in diesem Band grad Annabel’s Schicksal. Mit 40 wird sie zum zweiten Mal Mutter und schenkt einer körperlich eingeschränkten Tochter das Leben. Vielleicht fand ich diesen Teil des Buches von Berufs wegen spannend, allerdings dürfte wohl vielen der Contergan-Skandal ein Begriff sein. Ich fand es spannend, wie sie mit dem Schicksal ihrer Tochter umgeht und wie sie nach ähnlichen Fällen in der Gegend sucht und versucht Gemeinsamkeiten zu finden. Annabel wird zu einer richtigen Detektivin.
Aber auch Helga, die inzwischen als Ärztin in der Starnberger Geburtsklinik arbeitet und den Frauen einiges über Verhütung und Selbstbestimmung beibringt oder Luise, die ihren Tante Emma Laden zu einem Selbstbedienungsgeschäft ausbaut, erleben spannendes und gehen mit der Zeit.

Etwas irritiert hat mich jedoch teilweise die Kapitelverteilung (und damit die jeweiligen Anteile der vier Frauen) in diesem Buch. Es werden viele spannende Themen angeschnitten, da geht es um Selbstbestimmung, Verhütung und Abtreibung, um Behinderung, Ausgrenzung oder sexuelle Belästigung. Nur wenige Themen werden jedoch vertieft, obwohl sich innerhalb der Geschichte die Möglichkeit geboten hätte. So erfahren wir zum Beispiel einiges über Annabels Nachforschungen zum Contergan-Skandal und ihren Umgang damit, für Marie und ihre Suche nach Selbstverwirklichung bleiben aber nur ein paar wenige Kapitel.

Die Männer in diesem Buch

Meine liebe Mühe hatte ich jedoch mit den Männern in diesem Buch. Jeden einzelnen von ihnen hätte ich am liebsten gehörig geohrfeigt. Allen voran Annabels Mann, der ihr die Schuld am behinderten Kind in die Schuhe schieben will, weil sie mit 40 eventuell schon zu alt gewesen sei. Das hätte er sich vielleicht auch vorher einmal überlegen können, immerhin ist er genauso verantwortlich, dass dieses Kind entstehen konnte, wie seine Frau.
Aber auch die Männer von Luise und Marie sind keinen Deut besser. Der eine trinkt bereits zum Mittagessen einen über den Durst und kümmert sich nicht wirklich um seine Frau und die vielen Kinder. Und der andere begrabscht alles, was sich bei drei nicht in Sicherheit gebracht hat. Grad Luises Mann trau ich inzwischen nicht mehr wirklich über den Weg. Ich bin echt gespannt, was da im dritten und letzten Teil noch so zum Vorschein kommt.

»Vielleicht liegt es an dir«, sagte er kalt.
»Wieso, was meinst du?« […]
»Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass du zu alt gewesen bist?« Sein starrer Blick liess sie erschaudern. Sie war einundvierzig, na und?

– S.83

Umgang mit Alltagsrassismus

Ich muss gestehen, im ersten Band habe ich nicht so sehr darauf geachtet, dafür ist mir hier der Umgang mit Alltagsrassismus umso mehr ins Auge gestochen. So verändert sich auch meine Wahrnehmung während des Lesens. Die Hautfarbe von Helgas Sohn wird nämlich in der Schule zum Thema, als keines der Kinder, ausser Luises Tochter, mit ihm befreundet sein will und ihn neben sich sitzen lässt. Dabei fällt ein paar Mal das N*-Wort, was meiner Meinung nach absolut nicht nötig gewesen wäre. Natürlich liesse sich anmerken, dass dies zur damaligen Zeit Gang und Gäbe gewesen wäre, allerdings wissen wir das heute ja besser. Was man Helga zugute halten muss: Sie klärt ihren Sohn über dieses Wort auf und dass er sich ja von niemanden so beleidigen lassen soll. Ein schaler Nachgeschmack bleibt leider dennoch zurück.

Fazit

Auch wenn ich dieses Mal ein bisschen mehr Kritik anbringe, als noch beim ersten Band, so habe ich die Lektüre doch sehr genossen und mich ab der tollen Atmosphäre und der Authentizität erfreut. Auch wenn die Geschichten der vier Frauen fiktiv sind, so stehen sie doch exemplarisch für viele Schicksale der damaligen Zeit. Und das fand ich toll.
Meine Liebe Mühe hatte ich mit den Männern der Wunderfrauen, die ich einfach nur auf den Mond schiessen wollte. Aber auch die Männer stehen wohl exemplarisch für so manches Exemplar jener Zeit.
Wer also gerne mal etwas historische liest und süffige Unterhaltung sucht, dürfte mit den Wunderfrauen gut bedient sein. Gespannt warte ich nun auf den dritten und letzten Teil, der uns in die wilden 70er Jahre entführen soll.

Die Reihe

Alles was das Herz begehrt | Von allem nur das Beste | Freiheit im Angebot

Weitere Meinungen

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Bei diesem Buch handelt es sich um ein Leseexemplar des S.Fischer Verlags. Meine ehrliche Meinung blieb davon unberührt. 

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4 Kommentare zu „Rezension | Die Wunderfrauen – Von allem nur das Beste

  1. Liebe Daniela

    Schade, dass du ein wenig mehr zu kritisieren hattest, aber wie du schon sagst: manchmal verändert sich die Sicht auf die Dinge auch während des Lesens (und durch das Lesen), von dem her kann es schon sein, dass du insgesamt ein wenig kritischer warst.

    Ich werde die Reihe aber auf jeden Fall im Auge behalten und danke dir herzlich für deine differenzierte Rezension.

    Alles Liebe
    Livia

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Livia,

      ja, man entwickelt sich ja auch weiter, gell.
      Und nur weil ich diese Dinge kritisiere, ist das Buch für mich nicht schlecht oder ein rotes Tuch. Nach wie vor ist die Atmosphäre für mich sehr stimmig, aber unerwähnt möchte ich diese Dinge halt auch nicht lassen. Weil ich glaube, dass man durchaus die Möglichkeit hat, das zum Beispiel grad ohne rassistische Ausdrücke angemessen rüberzubringen. Da wäre dann auch nicht viel von der stimmigen Atmosphäre verloren gegangen.

      Grüessli, Daniela

      Gefällt mir

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