Rezension | Ein notwendiges Übel – mehr Roman als Krimi

Abir Mukherjee | Ein notwendiges Übel | aus dem Englischen von Jens Plassmann | Juli 2018 | Heyne Verlag

»Der erste Schuss durchschlug die Windschutzscheibe, die mit berstendem Knall zersplitterte. Ich nahm aus dem Augenwinkel wahr, wie Surrender-not verzweifelt nach dem Prinzen griff, um ihn nach unten zu ziehen. Doch alles zu spät. Beim Krachen der nächsten beiden Schüsse wusste ich, dass sie ihr Ziel finden würden.«
– S.24

Captain Sam Wyndham scheint sich langsam in Kalkutta eingelebt zu haben. Seit seinem ersten, grossen Fall ist ein Jahr vergangen und er und Sergeant Surendranath Banerjee sind zu einem eingespielten Team geworden. Doch nun werden die beiden mit einer äusserst heiklen Mission betraut. Der Thronfolger von Sambalpur wurde während einer Feier in Kalkutta ermordet und die Kolonialregierung hat ein hohes Interesse daran, den Täter zu ergreifen. Dumm nur, dass sie im unabhängigen Fürstenstaat Sambalpur keinerlei polizeiliche Befugnisse hat. Also reisen Sam Wyndham und Sergeant Banerjee als verdeckte Ermittler in das Reich des Maharadschas, das für prunkvolle Tempel und die jährliche Grosswildjagd bekannt ist.

Eine Reise nach Sambalpur

Die Bücher um den Ermittler Sam Wyndham und seinen Kollegen Sergeant Banerjee warten jetzt nicht mit halsbrecherischer Action auf, dafür bieten sie kunstvolle Einblicke in die indische Kultur sowie die politischen und gesellschaftlichen Strukturen zur Kolonialzeit. In Ein notwendiges Übel gar in doppelter Hinsicht, da sich die beiden Ermittler undercover im Fürstenstaat Sambalpur zurecht finden müssen. Und dort ticken die Uhren nicht nur ganz anders als in der westlichen Welt, sondern es gibt auch erhebliche Unterschiede zu Kalkutta. Schon die Welt ausserhalb des Palastes des Maharadschas ist aussergewöhnlich und exotisch, aber das Regelwerk und Brauchtum innerhalb der Mauern erstaunt noch viel mehr. Vieles ist anders, als es zunächst vermuten lässt und die Wahrheit aus dem Nebel des äusseren Scheins herauszufiltern, erfordert höchstes Fingerspitzengefühl.
Wie schon im ersten Band schildert Abir Mukherjee die historischen Schauplätze und die unruhige, angespannte Lage unter Kolonialherrschaft mit vielen Details und sehr anschaulich. Zudem werden in beinahe jedem Kapitel neue, kleine Hinweise auf den Täter versteckt.

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Viele Verdächtige

Bald schon jagt eine Verschwörungstheorie die nächste. Wurde das Attentat etwa durch den zweitgeborenen Prinzen eingefädelt? Oder stehen doch eher wirtschaftliche Gründe hinter der Tat? Und welche Rolle spielen eigentlich die Frauen aus dem Harem des Maharadschas? Der Autor versteht es meisterhaft seine Leser*innen immer wieder mit neuen kleinen Hinweisen zu füttern, so dass man wie Sam Wyndham von einer Überzeugung in die nächste schliddert. Wem kann man eigentlich noch trauen und wessen Kopf rollt als nächstes? So wird man von Seite zu Seite zu Seite getrieben – ohne viel Action oder Blutvergiessen. Allerdings muss ich auch sagen, dass durch die ganzen gesellschaftlichen Verwicklungen und die speziellen Verhältnisse am Hof des Maharadschas der eigentliche Kriminalfall doch ins Hintertreffen geriet. Dieser Roman ist vielmehr eine historische Gesellschaftsstudie als ein Kriminalroman. Was ich aber gar nicht mal so schlecht fand.

»Ein Diener verteilte die Gewehre. Und zwar ausgesprochen hochwertige. Angefertigt im Londoner Stadtteil Mayfair von Purdey, die das britische Königshaus mit Waffen belieferten, sowie alle möglichen Angehörigen der internationalen Aristokratie und überhaupt jeden reichen Pinsel, der das dringende Bedürfnis verspürte, auf etwas zu schiessen, das nicht zurück schoss.«
– S.348-349

Umgang mit Rassismus

Etwas überrascht hat mich der Umgang mit Alltagsrassismus in diesem Buch. Während ich im ersten Teil noch ein lobendes Wort für Sam Wyndham und seine Einstellung zur indischen Bevölkerung übrig hatte, so tappte er in Band zwei gleich mehrfach ins Fettnäpfchen. Ich kann nicht genau einschätzen, in wie weit das dem historischen Kontext geschuldet ist oder ob ich einfach sensibilisierter lese. Aber ich hätte mir doch einen etwas differenzierteren Umgang mit der Thematik gewünscht. Vor allem weil es in Band eins ja so vielversprechend begonnen hat.

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»Wenig später wimmelte es im Gebäude von kakifarbenen Uniformen der lokalen Polizisten aus Haora. Sie deckten die Leiche des Attentäters ab und bereiteten sie für den Transport in die Leichenhalle des Medical College Hospitals vor. Dort würde sie wahrscheinlich direkt neben der des Mannes liegen, den er vor weniger als vierundzwanzig Stunden ermordet hatte, was einmal mehr bewies, dass das Universum über einen ausgeprägten Sinn für Humor verfügte.«
– S.71-72

Fazit

Ein notwendiges Übel kommt wie schon sein Vorgänger mit ganz viel Liebe zum Detail daher, Lese-Tippso dass die farbenfrohe Kultur Indiens und der historische und gesellschaftliche Kontext den eigentlichen Kriminalfall beinahe in den Hintergrund stellen. Und auch der Fall selbst ist eher geprägt durch politische Intrigen und Verschwörungstheorien als viel Action oder Blutvergiessen.
Wer es also gerne etwas historisch, kulturell und gesellschaftspolitisch mag, der wird mit Ein notwendiges Übel auf seine Kosten kommen. Für alle anderen ist es ein Buch für eine ganz neue Leseerfahrung.

Die Reihe

Ein angesehener Mann | Ein notwendiges Übel | Eine handvoll Asche

Weitere Meinungen

»Ein notwendiges Übel ist ein spannendes Buch über Indien zur Kolonialzeit. Der Kriminalfall fungiert hier eher als Aufhänger, deshalb sehe ich das Buch mehr als Reise- und Kulturbericht, denn als Krimi. Eigentlich schade, da hätte man mehr machen können.« – Fluchtpunkt Lesen


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5 Antworten zu “Rezension | Ein notwendiges Übel – mehr Roman als Krimi”

  1. Rassismus ist sicherlich kein schönes Thema und ich könnte mir vorstellen, dass wir in diesem Punkt auch besonders durch die letzten Ereignisse ein wenig hypersensibilisiert sein können. Aber ohne dieses Buch selbst gelesen zu haben, ist dieses Verhalten und die Einstellung nicht ein Teil, der unabänderlich zum Kolonialismus dazu gehört? Gerade auch für ein Buch, das kunstvolle Einblicke in die indische Kultur und die politischen und gesellschaftlichen Strukturen der Kolonialzeit gewährt? Ich könnte mir vorstellen, dass ein Buch über diese Zeit an Glaubwürdigkeit verliert, wenn hier zu sehr beschönigt oder vielleicht sogar ‚weichgespült‘ wird.

    LG Yvonne

    Gefällt 2 Personen

    • Ich denke auch, dass es ein Stück weit sicherlich dem historischen Kontext entspricht und wie du sagst, die Geschichte an Glaubwürdigkeit verlieren würde, wenn es beschönigt werden würde. Wahrscheinlich war ich einfach etwas enttäuscht von Captain Sam Wyndham, der im ersten Band – zwar nicht gänzlich befreit von den Umgangsformen seiner Zeit – aber eben doch erfrischend anders und kritisch gedacht hat und jetzt in diesem Band ist dieses kritische Denken ein bisschen abhanden gekommen.

      LG, Daniela

      Gefällt 1 Person

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