Herzensbuch #12 | von Tattoos, Sex und Kirchenorgeln

Wir alle haben sie. Bücher, die uns den Atem rauben, die uns träumen lassen und von denen man sich wünscht, sie würden nie enden. Absolut geniale Meisterwerke, die wir immer wieder lesen können und allen und jedem empfehlen, ob er oder sie es hören will oder nicht. Ganz klar, ich spreche von Herzensbüchern.
Genau zu diesen besonderen Geschichten hat sich Janika eine kleine Aktion ausgedacht. Immer am 20. jeden Monats stellt sie in kurzen, knackigen Worten eines ihrer absoluten Lieblingsbücher vor, in der Hoffnung, dass sich diese Liebe verbreitet und solche wunderbaren Bücher mehr Aufmerksamkeit bekommen Diese dürfen auch gerne schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben.

Das heutige Herzensbuch ist kein unbekanntes hier auf dem Blog, ich stelle es euch also nicht zum ersten Mal vor. Allerdings würde sich diese Aktion auch etwas unvollständig anfühlen, wenn es nicht darin auftauchen würde. Ich habe es übrigens auch für den #härzenbüechermai vorgestellt. Falls ihr also Lust auf noch mehr Herzensbücher habt (nicht von mir, aber von ganz vielen lieben Bookstagrammerinnen), dann schaut unbedingt unter diesem Häshtag auf Instagram vorbei.

Bis ich dich finde von John Irving

Bis ich dich finde ist die die Geschichte des Schauspielers Jack Burns. Seine Mutter, Alice, ist eine Tätowiererin aus Leith. Sein Vater, William Burns, ist ein junger Kirchenorganist aus Edinburgh und ein »Tintensüchtiger«, dem nachgesagt wird, daß er sich so viele Tattoos stechen lassen wird, bis sein Körper ein einziges Notenblatt und jeder Quadratzentimeter beschrieben ist. Herzensbuch_1Eine düstere Prophezeiung. Doch Alice lässt sich nicht beirren – der tintensüchtige Organist hat längst ihr Herz erobert. Als Jack vier ist, begleitet er seine Mutter auf eine Reise durch verschiedene Ost- und Nordseehäfen – Hamburg, Kopenhagen, Stockholm, Oslo, Helsinki. Die beiden suchen Jacks Vater, der verschwunden ist. Aber Alice benimmt sich höchst rätselhaft, und der Vater bleibt unauffindbar. Jack wird in Kanada und Neuengland erzogen, doch geprägt – und unauslöschlich gezeichnet – wird er durch seine Beziehung zu älteren Frauen. Erst als er längst kein kleiner Junge mehr ist und als Hollywoodstar in Transvestitenrollen Triumphe feiert, bricht Jack noch einmal – allein – nach Europa auf.

Ich liebe die Bücher von John  Irving, weil einfach alles darin Platz hat. Es ist eine Welt voller Skurrilitäten, voller liebenswerten, schrägen und beschädigter Gestalten, Sex, Blumenkohlohren, Motorrad fahrenden Bären, Ringkämpfer, tragischen Todesfällen, Kirchenorgeln, lebenslangen Freundschaften und vor allem eine Welt voller Weisheiten und sowohl todtraurigen, als auch urkomischen Szenen. Und auch wenn auf den ersten Blick vieles recht normal und kleinbürgerlich wirkt in Irvings Geschichten, so offenbart sich hinter der Fassade doch immer eine unglaubliche Vielfalt und Diversität. Manchmal gefangen in den Konventionen seiner Zeit und wahrscheinlich auch nicht immer ganz politisch korrekt, aber immer voller Wärme und Wohlwollen und dem unerschütterlichen Glauben, dass alles seinen Platz hat in dieser Welt. Egal ob gross oder klein, gesund, krank, behindert, homo oder hetero, erfolgreich oder gescheitert, alle Formen menschlichen Lebens, Schaffens und Liebens haben Platz in Irvings Welt (Dafür wurde er 2013 übrigens in New York mit dem Straight for Equality in Literature-Award ausgezeichnet. Die PFLAG, die amerikanische Organisation für Familien und Freunde Homo-, Bi- und Transsexueller, würdigt damit John Irvings Bestreben für sexuelle Toleranz und Gleichbehandlung in seinem literarischen Werk.).

»Vielleicht hatte jeder irgendwo eine versteckte Rose von Jericho, dachte Jack. Vielleicht war sie nicht immer sichtbar, sondern bloss eine andere Art von Tätowierung – etwa eine Gratis-Tätowierung. Eine, mit der man ebenso fürs Leben gezeichnet war – nur dass niemand es sah.«
– S.285

Bis ich dich finde ist John Irvings persönlichster Roman, dementsprechend viele Begebenheiten aus seinem Leben finden sich in der Geschichte wieder. Und doch ist es keine Autobiographie. Neben all den Anleihen aus der Realität gibt es auch genügend Fiktion. Einer der Höhepunkte dieses Spiels mit Realität und Fiktion ist gewiss die im Buch dargestellte Oscarverleihung aus dem Jahre 2000, auf der Jack Burns nicht etwa den Oscar für eine seiner Rollen gewinnt, sondern jenen für das beste Drehbuch. Jenen Oscar also, den Irving im realen Leben für das Drehbuch zu Gottes Werk und Teufels Beitrag erhalten hat.
Und wenn ihr bis hier hin noch nicht überzeugt seid, so seid gewiss, dass euch das Ende von Bis ich dich finde komplett aus den Socken hauen wird. Denn plötzlich ist nichts mehr so, wie es war.


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4 Antworten auf „Herzensbuch #12 | von Tattoos, Sex und Kirchenorgeln

  1. fraggle

    Nachdem ich gefühlte 600 Versuche für „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ und gefühlte 400 für „Letzte Nacht in Twisted River“ – beide fand ich letztlich gut – gebraucht habe, habe ich von weiteren Irving-Romanen bislang Abstand genommen. Aber vielleicht wäre der hier mal wieder was. Auch wenn er inhaltlich schon sehr … skurril klingt. ;-)

    Gefällt 1 Person

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