Rezension | Die ewigen Toten – schaurig spannend

Simon Beckett | Die ewigen Toten | Februar 2019 | rowohlt Verlag | aus dem Englischen von Sabine Längsfeld und Karen Witthuhn | 480 Seiten

»Offene Türen lenkten den Blick in düstere Räume, leer bis auf einen umgefallenen Stuhl hier oder einen kaputten Tisch da. Wenn dies je ein Ort der Genesung und Heilung gewesen sein sollte, war davon nichts mehr zu spüren. Jetzt lag Verzweiflung über allem.«
– S.83

Im sechsten Teil der David Hunter Reihe entführt uns Simon Beckett weder ins Dartmoor noch in die Sümpfe von Essex, dafür aber an einen lost place im Norden von London. Dort steht nämlich das alte Krankenhaus und Sanatorium St. Judes, in das sich nur noch Fledermäuse verirren. Seit Jahren soll das einsturzgefährdete Gebäude abgerissen werden. Doch dann wird auf dem Dachboden eine Leiche gefunden, die – das sieht David Hunter sofort – schon länger da oben liegt. Das trockene und stickige Klima führte dazu, dass der Körper teilweise mumifizierte.

Als beim Versuch, die Leiche zu bergen, plötzlich der Boden einbricht, entdecken die Ermittler einen geheimen Raum. Ein Raum, der auf keinem Plan zu finden ist. Was hat es damit auf sich? Und warum gibt es keine Tür, obwohl Krankenbetten darin stehen? Betten in denen noch jemand liegt…

Ich mag die Bücher von Simon Beckett. Und ganz besonders mag ich die Reihe um David Hunter. Es war also gar keine Frage, dass ich den sechsten Teil lesen werde. Auch wenn ich ein bisschen spät zur Party erscheine, aber lieber spät als nie!

Besonders mochte ich immer die Schauplätze der Geschichten, eine Hebrydeninsel, die Body Farm in Knoxville, das Dartmoor oder auch die Backwaters bei Essex. Da hatte die Natur und die Landschaft immer ihre ganz eigene kleine Rolle. Die_ewigen_Toten_1Nicht verwunderlich also, dass ich im ersten Moment etwas enttäuscht vom Handlungsort in North London war. Allerdings hielt dieses Gefühl nur so lange an, bis ich einen ersten Eindruck vom St. Judes bekam. Dieses alte, zerfallende Krankenhaus ist der Inbegriff eines schaurigen lost places, wo die Natur sich ihren Raum zurück erobert und eröffnet so der Fantasie ganz neue Türen und Tore. Wie habe ich mich gegruselt, als der Raum ohne Türen und Fenster mehr durch Zufall entdeckt wurde. Und wie überaus grausam ist es bitte, seine Opfer lebendig und bei vollem Bewusstsein darin einzuschliessen …
Der Fall selbst ist von Anfang bis Ende spannend und nimmt ein paar überraschende Wendungen. Da bleibt keine Zeit für Langeweile. Mein Anfangsverdacht erwies sich jedoch als nicht ganz unbegründet, allerdings hätte ich mir niemals träumen lassen, dass … nein, das erzähle ich euch jetzt besser nicht, sonst verrate ich zu viel.

Trotz all der Grausamkeiten ist Die ewigen Toten nie unappetitlich zu lesen. Simon Beckett verpackt nämlich die grausigen, vielleicht auch etwas expliziteren Teile in eine kühle, beinahe schon klinische Sprache. Meist geht das auch einher mit Beschreibungen von einzelnen Arbeitsschritten in der forensischen Anthropologie. Diese Abschnitte machen die Thriller so besonders und wie ich finde auch ein bisschen lehrreich.

»Leichenschauhäuser sehen auf der ganzen Welt ähnlich aus. Manche mögen moderner und besser ausgestattet sein, aber im Grunde ist eins wie das andere. Die gekühlte Luft und der Geruch nach Desinfektionsmittel, der die anderen, biologischen Gerüche überdeckt, sind überall gleich.«
– S.90

Nach der Lektüre dieses Buches hatte ich endlich auch das Gefühl, dass sich David Hunter in emotionaler Hinsicht entwickelt hat. Er scheint nun endlich bereit, mit seiner Vergangenheit abschliessen zu können und steht so an einem anderen Punkt in seinem Leben als noch in den vorhergehenden Bänden. Ich bin also gespannt, wie es für ihn weiter geht, besonders nach den Wendungen, die eine Person aus seiner Vergangenheit zum Schluss noch für ihn bereit hielt.
Auch den ganzen Nebencharakteren gibt Beckett ein Gesicht, zeichnet die einen sympathisch und andere unausstehlich. Für einige Schmunzler meinerseits sorgte der junge, überaus eingebildete Berufskollege von David Hunter. Ich fand diesen doch sehr überzeichneten Charakter eine gelungene Erfrischung im Buch.

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Fazit

Wieder einmal konnte mich Simon Beckett begeistern. Ich fand Die ewigen Toten  spannend und voller Überraschungen von Anfang bis Ende.Highlight Und das Setting in dem alten Krankenhaus hätte nicht passender und unheimlicher sein können. Solche lost places sind absolut faszinierend und entführen in eine eigene kleine Welt. Zusammen mit der detaillierten forensischen Arbeit sorgte das für manchen Gänsehautmoment.
Ich hoffe nun ganz fest, dass es für David Hunter auch noch in eine siebte Runde geht. Und das nicht nur, weil ich wissen möchte, welche Wendungen seine persönliche Geschichte noch nehmen mag.

Weitere Meinungen

»Ja, dieses Buch ist definitiv einer dieser Gründe, weshalb man sich Abends denkt „Ach… nur noch ein Kapitel“ und beim Weckerklingeln feststellt, dass man die ganze Nacht durchgelesen hat.« – Studierenichtdeinleben

»Nach jahrelanger Hunter-Abstinenz ist Simon Beckett mit diesem Band zurückgekehrt und das besser wie schon lange nicht mehr.« – Pink Anemone

»Bisher haben alle Simon Beckett Bücher von mir 5/5 Sternen bekommen. Doch die Probleme, die ich mit der Handlung hatte gebe ich diesem Buch „nur“ 4/5 Sternen, weshalb es für mich auch das schwächste Buch der gesamten Reihe ist.« – books and light

Die Reihe

Chemie des Todes | Kalte Asche | Leichenblässe | Verwesung | Totenfang | Die ewigen Toten


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Verfasst von

Ich liebe Bücher, Katzen und Menschen. Und zwar in dieser Reihenfolge. Ausserdem koche und backe ich sehr gerne und liebe es auf Entdeckungsreise zu gehen.

8 Kommentare zu „Rezension | Die ewigen Toten – schaurig spannend

  1. Liebe Daniela, Deine Sichtweise finde ich interessant. Ich selbst fands schwächer als die anderen Bände. Das habe ich aber auch schon beim vorletzten Buch gedacht. Und ich glaube, bei mir ist es wirklich so, dass mich die anderen Settings mehr fasziniert haben. Also die Natureindrücke. Aber Du hast schon Recht, Becket ist nie unappetitlich oder vorhersehbar. Darum lese ich garantiert auch das nächste David Hunter Buch wieder. Liebe Grüße, Stefanie

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Stefanie
      Ja, der Handlungsort ist für einmal wirklich ganz anders und zu Beginn hatte ich ja auch meine Bedenken. Allerdings bin ich auch ein grosser Fan von lost places und da ist das St. Judes einfach perfekt.
      Grüessli, Daniela

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  2. Eine großartige Reihe. Dieses Buch höre ich gerade als Hörbuch. Es ist auch hervorragend mit Johannes Steck vertont, der mit seiner ausdrucksstarken tiefen Stimme mit dem rauhen Timbre für einen besonderen Hörgenuss sorgt.

    Gefällt 1 Person

  3. Hallo Daniela,

    das Buch klingt in deiner Rezension nach einer guten Portion Spannung und Gänsehaut. Da ich die Reihe noch nicht gelesen habe: Empfiehlt es sich, die Bände in der richtigen Reihenfolge zu lesen? Und falls nein: Welches ist dein liebstes, mit dem zu beginnen du mir empfiehlst? Ich habe vor Jahren öfter Krimis und Thriller gelesen, seit einer ganzen Weile jedoch nicht mehr. Deswegen suche ich nach einem spannenden Buch, das man nicht aus der Hand legen kann – gerne auch mit ein wenig Gänsehaut-Atmosphäre.

    Ich wünsche dir noch eine tolle Kommentierwoche!

    Liebe Grüße
    Nina

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Nina
      Grundsätzlich sind alle Bände der David Hunter Reihe in sich abgeschlossen und lassen sich somit auch gut kreuz und quer lesen. Natürlich gibt es eine Entwicklung des Protagonisten und einige Ereignisse aus früheren Fällen spielen in den späteren Büchern noch eine Rolle. Das ist aber nichts, dass nicht erklärt würde oder dich komplett aus der Geschichte hauen würde. Allerdings würde ich dir wohl trotzdem empfehlen mit dem ersten Band „Die Chemie des Todes“ zu starten, einfach weil das einer der besten Bände ist. :)

      Schöne Ostern wünsch ich dir!
      Grüessli, Daniela

      Gefällt 1 Person

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