Herzensbuch #9 | viele Fragen und keine Antworten

Wir alle haben sie. Bücher, die uns den Atem rauben, die uns träumen lassen und von denen man sich wünscht, sie würden nie enden. Absolut geniale Meisterwerke, die wir immer wieder lesen können und allen und jedem empfehlen, ob er oder sie es hören will oder nicht. Ganz klar, ich spreche von Herzensbüchern.
Genau zu diesen besonderen Geschichten haben sich Janika und Sabrina eine kleine Aktion ausgedacht. Immer am 20. jeden Monats stellen sie in kurzen, knackigen Worten eines ihrer absoluten Lieblingsbücher vor, in der Hoffnung, dass sich diese Liebe verbreitet und solche wunderbaren Bücher mehr Aufmerksamkeit bekommen Diese dürfen auch gerne schon ein paar Jährchen auf dem Buckel haben.

Eigentlich wollte ich heute ein ganz anderes Herzensbuch vorstellen. Aber da ich dieses nicht besitze und es in der Bibliothek grad verliehen ist, musste ich mich kurzfristig umentscheiden. Und so stelle ich euch heute eine Geschichte vor, die unglaublich vielschichtig und gleichzeitig sehr poetisch ist.

Elif Shafak – Der Geruch des Paradieses

In diesem grossartigen Buch geht es um Peri, die in Istanbul lebt und auf dem Weg zu einer Dinnerparty im Stau stecken bleibt. In diesem Moment wird ihr vom Rücksitz des Autos die Handtasche gestohlen und entgegen aller gesellschaftlichen Konventionen verfolgt und stellt sie den Dieb. Das Ereignis geht glimpflich aus, weckt aber alte Erinnerungen.
Auf einer zweiten Erzählebene beginnt nun die Geschichte von Peris Kindheit, Jugend und ihre Studienzeit in Oxford. In ihrem Leben gab es immer wieder entscheidende Episoden, an die sie sich bis ins kleinste Detail erinnert. So an ihren säkularen Vater, der dem Alkohol nicht abgeneigt war, oder an ihre tiefgläubige Mutter, die sich weigerte, Männern die Hand zu schütteln. Aber auch an ihre zwei wesentlich älteren Brüder, die so unterschiedliche Lebenswege wählten. Und natürlich an ihre Studienzeit in Oxford, an das Gottes-Seminar von Professor Azur und ihre zwei besten Freundinnen, die so Herzensbuch_1grundverschieden waren, dass ihre Freundschaft immer einer Zerreissprobe glich.

Mit diesem Roman bewegt sich Elif Shafak immerzu an der Grenze zwischen unterhaltender und anspruchsvoller Literatur. Und das ist auch grad eine seiner grossen Stärken. Das Buch lässt sich nämlich ziemlich fix lesen, die Sprache ist so leicht verständlich, wie auch wunderschön, poetisch und voller Weisheit. Während des Lesens habe ich mir unzählige Sätze markiert, die voller Liebe, Verständnis und Weisheit sind.
Die Autorin vermag es aber auch, ihre Leser*innen aufzuwühlen. Sie stellt unzählige Fragen nach dem Glauben, der Religion, nach Identität und Tradition, nach dem Suchen und dem Finden. Und bewusst wird auf Antworten verzichtet. Elif Shafak nimmt die Rolle einer Beobachterin ein, sie will nicht belehren, nur beschreiben und überlässt die Interpretation den Leser*innen. So gelingt es ihr, die gegenwärtige Mentalität in einer poetischen und bildhaften Sprache einzufangen und beinahe als Mittlerin zwischen den zwei Extremen zu fungieren. Peri weigert sich, einen Standpunkt zu beziehen, sie ist neugierig und ständig auf der Suche und vielleicht ist sie damit am Ende die Klügste von allen.

Der Geruch des Paradieses hat mich wirklich berührt. Die Autorin vermag darin die unterschiedlichsten Themen zu einem dichten Teppich zu verweben und das auf eine äusserst warme und menschliche Art und Weise. Nie verliert sie dabei den roten Faden und verspinnt gekonnt die Vergangenheit mit der Gegenwart. Ein kleines Meisterwerk!

»Errichten und einreissen. Schreiben und wegradieren. Glauben und zweifeln. […] Die Worte ihres Vaters verstärkten nur, was sie schon längst vermutet hatte: dass sie immer in der Mitte stehen würde zwischen denen, die inbrünstig glaubten, und denen, die mit der gleichen Inbrunst ungläubig waren.«
– aus „Der Geruch des Paradieses“, S.65


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