Quicktipp | Wer ist Edward Moon? – wunderschön, herzzerreissend, aufwühlend

Sarah Crossan | Wer ist Edward Moon? (Originaltitel: Moonrise) | aus dem Englischen von Cordula Setsman | Oktober 2019 | Mixtvision | 400 Seiten
Dieses Buch ist ein Leseexemplar, was meine ehrliche Meinung nicht beeinflusst hat.

»Die Reporter interessieren sich einen Scheiss für unsere Familie.
Wir sind keine Story. Wir sind Dreck.
Obwohl –
ich schätze, das ist viel einfacher als zugeben zu müssen,
dass sie nur noch mehr Menschenleben zerstören,
indem sie unseren Bruder umbringen.«
– Wer ist Edward Moon, S. 41

Manche Bücher sind sprachlich wunderschön. Andere punkten mit einer herzzerreissenden Story oder aufwühlenden Themen. Wer ist Edward Moon? passt grad in alle drei Kategorien.

Joe ist sieben Jahre alt, als an jenem verhängnisvollen Tag das grüne Wandtelefon klingelt. Am anderen Ende ist sein älterer Bruder Ed, der eine schlimme Mitteilung zu machen hat. Er wurde verhaftet und beschuldigt einen Polizisten getötet zu haben. Seit damals sind nun zehn Jahre vergangen, in denen Ed in einer Todeszelle in Texas auf den Tag seiner Hinrichtung wartet und die Brüder keinen Kontakt hatten.
Doch nun wurde das Hinrichtungsdatum festgelegt und Joe ist wild entschlossen, die letzten Wochen mit seinem Bruder zu verbringen. Doch ist dieser Ed in der Todeszelle noch der Bruder, den er kannte und liebte? Und wie geht man damit um, seinen Bruder wieder zu finden und gleichzeitig für immer zu verlieren?

Wer ist Edward Moon? ist ein ganz spezielles Buch, es vereint sowohl brisante Themen, eine gelungene Story sowie sprachliche Schönheiten. Vordergründig geht es ganz klar um die Todesstrafe. Sarah Crossan konzentriert sich aber nicht auf Ed, der ja in der Todeszelle sitzt, sondern auf seine Familie und die Auswirkungen, die dieses Todesurteil auf Bruder, Schwester, Mutter oder Tante hat. Und so ganz nebenbei fliessen auch Themen wie Armut, Vernachlässigung, ein fehlerhaftes Strafrechtssystem oder erzwungene Geständnisse mit in die Geschichte ein. All diese Themen bergen viel Diskussionsstoff und schaffen es wunderbar uns Leser und Leserinnen ins nachdenken zu bringen. Und zwar auf neutrale, wertungsfreie Weise. Das Buch ergreift weder Partei für noch gegen die Todesstrafe. Es wird also uns überlassen, wie wir werten und urteilen.

Ed_Moon_1

In Rückblenden erinnert sich Joe immer wieder an die Zeit, als seine Mutter und Ed noch in der Familie anwesend waren. Das hilft, die Beziehungen zu veranschaulichen, die Joe innerhalb der Familie hatte und wie sich alles durch dieses Urteil verändert hat. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass der Moment, als sich Ed und Joe nach zehn Jahren zum ersten Mal wieder sehen, ein ganz besonderer ist.

»Alle reden immerzu davon,
wie sehr sie den Geruch von Krankenhäusern hassen,
aber ist je einer von ihnen im Knast gewesen?«

– Wer ist Edward Moon?, S. 86

Was dieses Buch ebenfalls ganz besonders macht, ist die Versform in der die Geschichte erzählt wird. Mit nur ganz wenigen Worten schafft es die Autorin so viele Emotionen einzufangen und bei uns Lesern und Leserinnen heraufzubeschwören. Das ist echt beeindruckend. Zugegeben, diese Schreibweise machte mir zu Beginn der Lektüre etwas Bauchschmerzen, allerdings gewöhnt man sich sehr schnell daran. Und dank der Knappheit und Klarheit fliegt man auch nur so durch das Buch und nimmt die einzelnen Verse gar nicht mehr wahr.
Allerdings glaube ich, dass dieser Versroman in der Originalsprache noch einmal ganz anders, viel intensiver wirken würde. Nicht weil die Übersetzung schlecht gemacht wäre – Cordula Setsman erledigte ihren Job tadellos – sondern einfach, weil vieles im Englischen noch einmal prägnanter, treffender oder knackiger formuliert werden kann.

Fazit

Lese-TippWer ist Edward Moon? ist wirklich ein ganz spezielles Buch. Nicht nur die Versform des Textes, der mit wenigen Worten viel sagt, sondern die ganze Emotionalität und die Fülle an Themen lassen es noch lange nach der Lektüre in Erinnerung bleiben. Sarah Crossan hat hier ein wirklich starkes Buch geschrieben und macht mir Lust auf weitere ihrer Werke. Dann allerdings in Englischer Sprache.
Übrigens hätte ich ein solches Buch auch gerne im Deutschunterricht in der Schule gelesen. Durch die verschiedenen Themen dürfte es ganz spannende Diskussionen im Klassenzimmer geben.

Weitere Meinungen

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4 Antworten auf „Quicktipp | Wer ist Edward Moon? – wunderschön, herzzerreissend, aufwühlend

  1. Livia

    Liebe Daniela

    Das klingt ja wirklich nach einem sehr gelungenen Buch und ich finde, dass es auch schon in der Aufmachung eingies her macht. Dass sich darin gleich noch so eine tolle Story verbirgt ist ja um so besser.

    Alles Liebe und herzlichen Dank für den Tipp
    Livia

    Gefällt 1 Person

    • Daniela | read eat live

      Lieben Dank für deinen Kommentar, Livia :)
      Ich habe das Buch in nicht einmal einem Tag durchgelesen gehabt und fand es wirklich gut. Durch die Versform (die aber fast wie ein normaler Fliesstext zu lesen ist), liest es sich schnell und geht einem sehr nahe. Ich habe es mir jetzt auch noch auf Englisch besorgt, da ich wirklich glaube, der Text bekommt durch die Originalsprache noch einmal einen anderen Zauber.
      Grüessli, Daniela

      Liken

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