Rezension | Der Report der Magd – einfach genial

»Desglen sagt nichts. Es herrscht Schweigen. Doch manchmal ist es ebenso gefährlich, nicht zu sprechen.
»Ja, wir sind glücklich«, murmele ich. Denn irgendetwas muss ich sagen. Und was kann ich anderes sagen?«
– aus „Der Report der Magd“, S.46

Margaret Atwood | Der Report der Magd | April 2017 | Erstveröffentlichung 1985 | aus dem Kanadischen von Helga Pfetsch | Piper Verlag | 412 Seiten

Ich habe eben wieder festgestellt, dass Leseflauten bei mir selten etwas damit zu tun haben, dass ich übersättigt bin, oder keine Zeit für meine Bücher finde. Viel eher liegt es meistens am Buch, das ich grad lese selbst. Merken tu ich das aber oft erst, wenn ich ein neues Buch beginne und dieses dann innerhalb weniger Tage durch gelesen habe. So erging es mir mit Der Report der Magd, für das ich grade mal drei Bahnfahrten brauchte.

Macht, Freiheit, Feminismus

Inhaltlich geht es in Der Report der Magd um die Magd Desfred, die im totalitären Staat Gilead lebt, der Nachkommen und die Geburt als höchstes Gut erachtet. Als Magd wurde Desfred dazu auserkoren, zu gebären. Deshalb muss sie ohne eigne Familie, ohne Besitz und eigenen Namen im Haushalt eines Kommandanten leben, um für ihn und seine Ehefrau ein Kind zu gebären. Alles, was von ihr in Gileads Gesellschaft gebraucht wird, ist der funktionsfähige Uterus. Ein solches Leben unterliegt strengen Regeln, Geboten und Verboten. Bereits der kleinste Verstoss kann mit dem Tod bestraft werden.

Der Report der Magd_1In ihrem Roman greift Margaret Atwood gleich mehrere Themen auf, die aber natürlich alle miteinander verflochten sind und zusammen spielen. Es geht um Macht und Machtgefüge (im Grossen wie im Kleinen), um Freiheit und Feminismus. Und es ist schockierend, wie relevant diese Themen heute sind und wahrscheinlich auch noch für eine Weile bleiben werden. Das gibt der ganzen Atmosphäre in diesem Buch etwas schweres, bedrückendes.
Sehr genau beschreibt Margaret Atwood die Mechanismen wie eine Gruppierung Macht erlangen und sich erhalten kann, wie einer Gruppe Rechte genommen oder auch zuerkannt werden können. Nicht zuletzt geht es dabei auch um männliche Machtgefüge und das Verhältnis von Mann und Frau. Ganz interessant fand ich die subtile Veränderung in Desfreds Beziehung zu ihrem Mann, weil er die Verfügungsgewalt über ihren Besitz erhält.

»Er kniete immer noch auf dem Fussboden. Du weisst doch, dass ich immer für dich sorgen werde.
Ich dachte: Schon fängt er an, den Vormund zu spielen. Dann dachte ich: Schon fängst du an, paranoid zu reagieren.«
–aus „Der Report der Magd“, S.241

Eng verbunden mit der ganzen Macht Thematik ist die Frage der Freiheit. In einer Welt, in der deine Rolle genau definiert ist, wie frei bist du dann noch? Wie leicht und unmerklich geht Freiheit verloren? Und auch, wie kann man sie in kleinen Stücken zurückerobern?
In diesem Zusammenhang lohnt es sich einen kurzen Blick auf die Sprache in diesem Roman zu werfen.

Die Dreifaltigkeit der Sprache

Ok, das mag jetzt vielleicht etwas seltsam klingen, allerdings sind mir in Der Report der Magd drei Dinge aufgefallen, die alle mit Sprache zu tun haben. Um grad beim obigen Gedankengang zur Freiheit anzuknüpfen, durch Sprache schafft sich Desfred ein Stück Freiheit, gibt sich eine eigene Stimme und erzählt ihre subjektive Sicht auf das System und die Geschichte Gileads. Damit entzieht sie sich ein Stück weit der Allmacht des Staates. Gleichzeitig nutzt eben dieser Staat Sprache auch als Instrument der Macht. So gibt es einerseits neue Regeln der Kommunikation und Wörter wie „Ökonofrauen“ andererseits werden Männer nach ihrem gesellschaftlichen Rang benannt und Frauen nach ihrer Funktion.

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Und nicht zuletzt ist da auch noch die geniale sprachliche Gestaltung dieses Buches. Als Leser*in sind wir ganz nahe bei Desfred, erleben alles aus ihrem Blickwinkel, beinahe so, als würde sie vor uns sitzen und es uns direkt erzählen. Wir erleben also quasi ihren begrenzten Bewegungsfreiraum hautnah mit, ihre physische und seelische Einengung wird mehr als spürbar. Gleichzeitig ist Desfreds Auftreten äusserst reduziert, ja beinahe teilnahmslos. Schockierende Szenen werden so distanziert berichtet, dass sie zwar emotionslos aber dafür umso effektvoller rüber kommen. Das gibt der ganzen Sprache eine unglaubliche Klarheit und Gewalt, dass die Ereignisse unter die Haut gehen.

Ein geniales Ende

Atwood ist zudem ein ganz besonders geniales Ende gelungen. Anstelle eines Epilogs stellt die Autorin nämlich eine vermeintliche Aufzeichnung eines wissenschaftlichen Kongresses, der ca. 150 Jahre nach dem Ende der Ereignisse stattfindet. In einem Vortrag erläutert ein Professor einiges zu Gilead und zu den Erzählungen von Desfred. Dabei wird auch klar, wie wichtig Sorgfalt im Umgang mit historischen Quellen ist. Ganz besonders in Gesellschaften, die von Zensur betroffen sind. Dieses Ende rundet den Report somit ab und ermöglicht einen weiteren Blickwinkel auf ein Buch, das ohnehin von jedem Leser und jeder Leserin anders gelesen und gedeutet wird.

»Es gibt mehr als nur eine Form von Freiheit, sagte Tante Lydia, Freiheit zu und Freiheit von. In den Tagen der Anarchie war es die Freiheit zu. Jetzt bekommt ihr die Freiheit von. Unterschätzt sie nicht.«
– aus „Der Report der Magd“, S.39

Fazit

Was soll ich euch noch gross sagen, Der Report der Magd ist thematisch aktueller den je und das will doch etwas heissen für ein Buch, dass vor über 30 Jahren das erste Mal veröffentlich wurde.Highlight In der Geschichte geht es um grosse Themen wie Macht, Freiheit oder Feminismus, aber auch emotional rüttelt sie auf. Desfred lässt einem nicht los, so dass man trotz eines nüchternen, reduzierten Schreibstils nur so durch die Seiten fliegt. Der Report der Magd geht unter die Haut.
Wer übrigens noch nicht genug hat von Desfred und der Gesellschaft in Gilead, der darf sich freuen. Erst grad vor ein paar Tagen kam die Fortsetzung Die Zeuginnen in die Buchhandlungen.

Weitere Meinungen

»Nachdem ich schon so viel von Der Report der Magd gehört habe, waren meine Erwartungen natürlich ziemlich hoch. Doch wie sollte es anders sein – ich wurde keinesfalls enttäuscht!« – Letterheart

»Die Autorin hat es meiner Meinung nach nicht geschafft, auf ihre grundsätzliche Idee ein gutes und glaubwürdiges Plot-Fundament zu bauen.« – Kill Monotony

»Mir hat das Buch wahnsinnig gut gefallen, obwohl es definitiv keine leichte Kost ist und kein Wohlfühlbuch.« – Wortkompass

»Ein Buch, das mächtig unter die Haut geht! Ein Buch, das man als Frau nicht so leicht  vergisst, insbesondere nicht, wenn man in manchen Parteiprogrammen liest, was sich diese so für die Zukunft der Frau ausgedacht haben und vorstellen können… « – MonerlS bunte Welt