Rezension | Der Wal und das Ende der Welt – oder der Glaube an das Gute im Menschen

John Ironmomger | Der Wal und das Ende der Welt | aus dem Englischen von Tobias Schnettler und Maria Poets | April 2019 | S.Fischer Verlag | 480 Seiten

»Ein Dorf«, hätte Martha Fishburne gesagt, »ist mehr als nur ein paar Häuser. Es ist ein Netz aus Verbindungen.« In einem anderen Leben hätte Joe mit seinem Computer ein Modell davon anlegen können. Die Krankenschwester, die in der Nacht arbeitet, ist mit der jungen Frau befreundet; die junge Frau ist mit dem Pastor verheiratet; der Pastor ist mit dem Analysten im Turm eingesperrt; der Analyst hört zu, wie der Pastor betet. Zieht man an einem Ende dieses Netzes an einem Faden, reagiert das gesamte Dorf. Deshalb konnten einhundert Menschen einen Wal retten. Und deshalb hatten ein eingehakter Arm und ein Spaziergang den Hang hinauf eine so grosse Bedeutung.
– aus „Der Wal und das Ende der Welt“, S.287

Von manchen Büchern lese ich den Titel und weiss bereits, dass ich es unbedingt lesen muss. Und wahrscheinlich auch lieben werde. So ist es mir mit John Ironmonger’s Der Wal und das Ende der Welt ergangen. Ein Buch so voller Liebe für seine Protagonisten, die Menschen an sich und das Erzählen selbst.

Der junge Mann und ein gestrandeter Wal

Alles beginnt damit, dass am Strand von St.Piran ein junger Mann angespült und kurze Zeit später in der Bucht ein Wal gesichtet wird. Dieser Wal strandet am nächsten Tag und der fremde junge Mann – Joe Haak – schafft es ihn durch sein engagiertes Eingreifen zu retten. Die Bewohner von St.Piran merken sofort, dass dies der Beginn von merkwürdigen Ereignissen ist, doch ahnen sie nicht, welche grossen Zusammenhänge dahinter stecken und wie existentiell ihr einfaches Leben bedroht ist.

Der_Wal_1St.Piran ist ein kleines Fischerdorf an der Küste von Cornwall, nur über eine gut versteckte Zufahrtsstrasse ohne Hinweisschild zu erreichen. Touristen verirren sich nur selten in den Ort und doch findet Joe, der aus der Weltstadt London kommt, hier so etwas wie ein zu Hause. In dem 300 Seelen Dorf leben nämlich so allerlei schrullige, aber herzensgute Menschen. Bereits auf den ersten Seiten wird man mit Kenny Kennet dem Strandgutsammler, dem alten Garrow oder Aminata der Krankenschwester aus dem Senegal konfrontiert. Man kann sie bei all ihrer Verschrobenheit einfach nur lieb haben. Und so wie wir die Dorfbewohner ins Herz schliessen, so ergeht es ihnen mit Joe Haak.
Diese wunderbar gezeichneten Charaktere machen auch einen grossen Teil der Besonderheit dieser Geschichte aus. Ihre Gedanken, Gefühle und noch viel mehr ihre Taten wärmen einem das Herz und lassen uns an das Gute im Menschen glauben, auch wenn es im Buch eigentlich um ein sehr ernstes, äusserst realistisches und absolut existentielles Thema geht.

»Am blassgrauen Himmel über Piran Head flogen an diesem Tag keine Flugzeuge. Auf dem Wasser waren keine großen Schiffe zu sehen. Keine Wanderer kamen über die Klippenwege. Kein Fahrzeug fuhr auf der Strasse. Kein Strom floss durch die Kabel, kein Wasser durch die Leitungen. Die Radiosender sendeten keine Musik. Als die Dorfbewohner an diesem trüben Oktobertag erwachten, hörten sie nur das Schreien der Möwen, das Pfeifen des kalten Nordwindes und das Läuten zweier Kirchenglocken.«
– aus „Der Wal und das Ende der Welt“, S. 347

 

Die Variabel Mensch

Nach und nach erfahren wir nämlich immer mehr über Joe Haak, sein Leben in London und seine Arbeit als Analyst bei einer Bank. Wir lernen, was passiert, wenn nur ein einzelnes kleines Zahnrädchen im grossen Gesamtsystem ausfällt, wenn eine der vielen Verbindungsketten unterbrochen wird. Wie das ganze System erschüttert wird und kollabiert. Eine Kettenreaktion, die zu Hunger, Krieg und dem Ende der Zivilisation führt. Nur dass dies dieses eine Mal nicht trockene Theorie ist, sondern bittere Realität.

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Der Wal und das Ende der Welt ist nicht einfach nur ein Roman, der mit seinen schrulligen Figuren und dem englischen Küstendörfchen ein bisschen Romantik versprüht. Vielmehr wird uns hier vor Augen geführt, wie sich dystopische Welten ganz realistisch entwickeln und wie sich Menschen in solchen Extremsituationen verhalten könnten. Natürlich wird immer davon ausgegangen, dass sich dann jeder selbst der Nächste ist und um sein Überleben kämpft. Nötigenfalls mit drastischen Mitteln. Dass der Mensch aber immer noch die grösste Variabel in der ganzen Geschichte ist, zeigt dieses Buch. Es glaubt nämlich an Werte wie Zusammenhalt, Güte oder Nächstenliebe. Eine Dystopie voller Hoffnung und Glaube an das Gute also.
Und das funktioniert hervorragend!

Fazit

Der Wal und das Ende der Welt ist ein unglaubliches Buch. Es gibt Einblicke, wie die einzelnen Versorgungs- und Wirtschaftssysteme miteinander verkettet sind und was für Auswirkungen nur schon der Ausfall eines kleinen Subsystems hat. HighlightDas alles ist eingebettet in die romantische Kulisse eines cornishen Fischerdorfs mit seinen schrulligen, liebenswerten Einwohnern. Es ist also nicht einfach nur ein Roman, sondern auch eine Dystopie. Aber eine mit dem speziellen Etwas. Trotz der beklemmenden Endzeitstimmung liegt Hoffnung und Zuversicht über allem. Gemeinsam ist man stärker. Ein Mann alleine schiebt keinen gestrandeten Wal zurück ins Meer, hundert helfende Hände aber schaffen das Unmögliche.

Weitere Meinungen

»Eine so mitreißende und abenteuerliche Geschichte, dass es schwerfällt, sie aus den Händen zu legen. Als Leser fühlt man sich unweigerlich erinnert an Geschichten wie Huckleberry Finn und Die Abenteuer von Tom Sawyer.« – Zeilentänzer

»Mir hat besonders gefallen, wie dargestellt wird, dass ein einzelnes Ereignis das Weltgeschehen in dramatische Krisen stürzen kann – aber dass das humanitäre und politische Engagement einzelner Menschen andere Menschen beeinflussen, überzeugen, aktivieren und die Entwicklung in andere Bahnen lenken kann.
Es ist ein Buch, das die Hoffnung in die Menschheit stärken möchte.« – Die Zitronenfalterin

»In seinem Roman „Der Wal und das Ende der Welt“ schafft John Ironmonger starke Bilder, die lange im Gedächtnis bleiben. Er schneidet einige Themen an, allem voran die Möglichkeit der Vorhersage menschlichen Verhaltens, die mich als Leser zum Nachdenken brachten. Welche Bedeutung dem Wal in der Geschichte zukommt sollte jeder selbst herausfinden, indem er das Buch liest, denn gerne empfehle ich es uneingeschränkt weiter.« – Buchsichten


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