Rezension | Das Verschwinden der Stephanie Mailer – wenn der Schein trügt

Joël Dicker | Das Verschwinden der Stephanie Mailer | aus dem Französischen von Amelie Thoma und Michaela Messner | April 2019 | Piper Verlag | 672 Seiten

»Als wir eintraten, sahen wir, dass die Wände tapeziert waren mit allen möglichen Artikeln über den Vierfachmord, Stephanie Mailers Verschwinden, unsere Ermittlungen und vor allem: Fotos von Meghan Padalin.«
– aus „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“, S. 625

Endlich hatte das Warten ein Ende. Das neuste Buch von Joël Dicker steht in den Buchhandlungen und wieder entführt es uns Leser*innen in eine amerikanische Kleinstadt. Wer die beiden früheren Werke kennt, der weiss, dass Kleinstädte ihre ganz eigenen Gesetze haben und grad in Dickers Romanen verbergen sich so einige Abgründe unter der ach so friedlichen Oberfläche.

Kleinstadtmief in den Hamptons

Der Schauplatz der Geschichte ist Orphea, eine Kleinstadt in den Hamptons ein paar Autostunden von New York entfernt. In dem kleinen Ort kennt jeder jeden, der 4. Juli wird mit einem Feuerwerk gefeiert und auf das eigene Theaterfestival ist man mächtig stolz. Alles scheint in geordneten Bahnen zu laufen, wäre da nicht der brutale Vierfachmord, der sich 1994 am Eröffnungsabend des ersten Theaterfestivals ein paar Strassen weiter ereignet hatte. Damals wurde die gesamte Familie des Bürgermeisters und eine Joggerin erschossen. Ein paar Wochen später wurde auch bereits der Täter überführt und der Fall somit gelöst.
Joël_Dicker_120 Jahre später auf seiner Abschiedsfeier wird Jesse Rosenberg, der damals zusammen mit seinem Kollegen Derek Scott ermittelte, von der Journalistin Stephanie Mailer wieder auf den Fall angesprochen. Sie ist davon überzeugt, dass damals der falsche Täter geschnappt wurde und die Ermittler etwas wichtiges übersehen haben, »obwohl die Lösung genau vor ihren Augen lag« (S.17). Anschliessend fährt Stephanie zu einem Treffen mit ihrem Informanten, von dem sie aber nie zurück kehrt.
Da beschleicht Jesse ein ungutes Gefühl. Was, wenn die Journalistin brisante Informationen hatte? Kann es sein, dass sie mit ihrer Vermutung gar richtig lag? Kurzerhand verschieb Jesse seinen vorzeitigen Ruhestand und rollt zusammen mit Derek und der jungen Polizistin Anna den Fall neu auf.

Verwicklungen, Verwirrungen und falsche Fährten

Wie schon mit seinen ersten beiden Romanen schafft es Joël Dicker auch in Das Verschwinden der Stephanie Mailer uns Leser*innen von der ersten Seite an abzuholen. Die Geschichte springt von der Gegenwart immer wieder ins Jahr 1994 zurück und rollt nach und nach die Ereignisse auf. Dabei kommen zahlreiche Verwicklungen and Licht, die die ganze Stadt zu betreffen scheinen. Das Ermittlertrio kreuzt die Wege diverser Stadtbewohner und jeder scheint seine ganz eigenen Leichen im Keller zu haben. Mal ruht der Verdacht auf dem stellvertretenden Bürgermeister Alan Brown, mal auf dessen Frau und dann wieder auf einem Gangsterboss aus dem Nachbarort. Doch irgendwie scheint es keiner gewesen zu sein. Nicht nur auf der Theaterbühne wird mit der Wahrnehmung des Publikums gespielt, auch die Bürger von Orphea scheinen nicht immer das zu sein, was sie auf den ersten Blick vorgeben. Und durch die vielen neuen Hinweise wird die ganze Geschichte immer undurchsichtiger und verwirrender.
Ich konnte mir das Buch zudem wunderbar als Film vorstellen, von der ersten Seite an hatte ich äusserst lebhafte und bunte Bilder in meinem Kopf. Das Filmhafte wurde durch die schnellen Szenenwechseln, die Rückblenden und verschiedenen Perspektiven noch verstärkt.

»In der Suite 312 sass Steven Bergdorf mit glänzenden Augen gedankenversunken da, während Alice ein Bad nahm. Dass jemand polizeilich relevante Enthüllungen gegen die Aufführung eines Theaterstückes eintauschte, so etwas hatte es in der Kulturgeschichte noch nicht gegeben. Sein Instinkt sagte ihm, er täte gut daran, noch eine Weile in Orphea zu bleiben.«
– aus „Das Verschwinden der Stephanie Mailer“, S. 286

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Wenn da nicht diese überzeichneten Figuren wären…

Wer mich kennt, weiss, dass ich sorgfältig gezeichnete Figuren mag, Charaktere die nicht einfach nur schwarz oder weiss sind und manchmal auch Geheimnisse mit sich herum tragen. In dieser Beziehung kam ich ganz klar auf meine Kosten, nicht nur Jesse, Derek und Anna haben ihre Päckchen zu tragen, beinahe alle Figuren haben so ihre Geheimnisse und ihre Geschichte.
Was mich gestört hat, waren so einige stark überzeichnete Figuren. Der Literaturkritiker Ostrowski zum Beispiel, der sich für das Mass aller Dinge hält. Aber auch die junge Geliebte, die ihren Liebhaber finanziell ausbluten lässt, oder der Theaterregisseur, der von einem Tobsuchtsanfall in den nächsten gerät, waren doch arg überzeichnet. Joël Dicker sagte dazu in einem Interview, dass er ab und an eben auch gerne lache und darum diese Figuren in seine Geschichte eingebaut habe (Quelle: SRF Kultur). Irgendwie verständlich, geben sie der Geschichte doch auch etwas Würze, gefallen muss es mir deswegen aber nicht. Und dann gab es auch noch eine Familie, die meiner Meinung nach komplett aus der Geschichte hätte gestrichen werden können, da sie einfach überhaupt keine Rolle spielte oder der Handlung dienlich gewesen wäre.

… und das überhastete Ende

Und leider konnte mich dann auch das Ende nicht so wirklich überzeugen. Das ganze Buch ist äusserst clever aufgebaut. In einem kleinen Countdown am Kapitelanfang werden die Tage bis zur Eröffnung des Theaterfestival gezählt. So baut sich die ganze Spannung auf diesen Punkt hin auf, was durchaus gerechtfertigt ist. Allerdings ist die Geschichte dann noch nicht zu Ende. Und da liegt irgendwie der Hase im Pfeffer. Was vorher so sorgfältig konstruiert wurde, wird nun Schritt für Schritt aufgelöst, nur leider geschieht das für meinen Geschmack etwas überhastet, nicht immer ganz schlüssig und mit teilweise fadenscheinigen Begründungen. Eines muss man Joël Dicker aber zugutehalten, das ganze Buch über lässt sich hervorragend miträtseln und die Auflösung hat mich dann absolut überrascht.

Fazit

Joël Dicker ist ein absolut begnadeter Geschichtenerzähler. Bereits nach wenigen Seiten sind seine Leser*innen mitten in der Story gefangen, die sich nach und nach vor ihnen ausbreitet. Mit vielen überraschenden Wendungen und immer neuen Details kreiert er so einen spannenden Roman, der ohne viel Blutvergiessen Lese-Tippoder Action auskommt, dafür aber in menschliche Abgründe blicken lässt. Das ist Unterhaltung vom feinsten!
Wenn ich jedoch ehrlich bin, mochte ich seine früheren Werke lieber, sie wirkten auf mich runder und weniger überhastet. Von den überzeichneten Figuren, die meine Geduld doch manchmal arg strapazierten, möchte ich jetzt gar nicht mehr reden. Nichts desto trotz ist das Buch beste Unterhaltung und vermag Dicker-Fans (mich eingeschlossen) mitzureissen.

Weitere Meinungen

»„Das Verschwinden der Stephanie Mailer“ ist definitiv eines meiner Lesehighlights des Frühjahrs und eine perfekte Lektüre für alle, die spannungsgeladene Romane oder literarische Thriller lieben.« – Lesen in vollen Zügen

»Er [Joël Dicker] schafft es, die verschiedenen Töne seines Buchs gut zusammenzuführen und daraus ein vielschichtiges Buch zu kreieren, das am Ende gar etwas an Fargo erinnert. Kein Krimi im reinen Sinn, aber eines auf alle Fälle: erneut sehr, sehr gute Unterhaltung!« – Buch-Haltung

»Ein spannender Roman, der ohne viel Blutvergießen auskommt und in die Abgründe der menschlichen Seele blicken lässt. Diese Mörderjagd hat mir großen Lesespaß bereitet und ich kann sie allen empfehlen, die gerne Krimis und Detektivromane lesen.« – Rubines Kamingeflüster


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3 Kommentare zu „Rezension | Das Verschwinden der Stephanie Mailer – wenn der Schein trügt

  1. Hallo

    Ich liebäugle ja schon mit dem Buch, seit es draussen ist. Ich will unbedingt mal was von Joel Dicker lesen. Deine Rezension motiviert mich eigentlich das Buch zu lesen, auch wenn du einige Kritikpunkte hast. Vielleicht nehme ich das Buch im Sommer in Angriff. Welches Buch von ihm fandest du denn das Beste?

    Herzlich

    Josia

    Gefällt 1 Person

    1. Hoi Josia
      Das Buch ist ja nicht schlecht, sondern wahnsinnig gute Unterhaltung. Ich könnte es mir sehr gut als Film vorstellen.
      Am liebsten mochte ich das erste Buch, welches ich von Joël Dicker gelesen habe „Die Geschichte der Baltimores“. Für mich war das sein „rundestes“ und bestes Buch.
      Viel Spass mein Entdecken von Joël Dicker!
      Grüessli, Daniela

      Gefällt 1 Person

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