Rezension | Ich gebe dir die Sonne – Eine Geschichte über Liebe, Menschlichkeit und das Leben selbst

Ich gebe dir die Sonne | Jandy Nelson | aus dem Englischen von Catrin Fischer | cbt Verlag | November 2016 | 480 Seiten

»Es ist nicht richtig eine Lüge zu leben. Das ist es nie, Noah.« In ihrer Stimme liegt etwas Flehendes. »Wenn man jemanden liebt, kann man dagegen doch nichts machen, oder?«
– aus „Ich gebe dir die Sonne“ S.374

Alles hat seine Zeit. Und so bin ich auch überzeugt, dass es eine richtige, eine passende Zeit für eine Geschichte gibt. Und nachdem ich Ich gebe dir die Sonne im zweiten Anlauf regelrecht inhaliert habe noch viel mehr.

Ein ganz besonderer Erzähl- und Schreibstil

In Ich gebe dir die Sonne geht es um NoahundJude. Nein, das ist kein Schreibfehler, Noah und Jude sind Zwillinge, die sich so nahe stehen, dass sie fühlen, was der andere fühlt, denken, was der andere denkt und sich gegenseitig die Sätze beenden. Auch wenn sie komplett gegensätzlich sind. Noah ist der introvertierte Part, in jeder freien Minute widmet er sich seiner Kunst, malt Bilder im Kopf und auf Papier und verliebt sich in den interessanten Nachbarsjungen. Aufgrund seiner sensiblen Art ist er ein beliebtes Ziel für Hohn und Spott der älteren Jungs. Jude hingegen liebt den Nervenkitzel, geht surfen und entdeckt nicht nur den Lippenstift sondern auch die Jungs, die Noah drangsalieren.
Ein paar Jahre und einen schweren Schicksalsschlag später scheinen sich die Eigenschaften der Zwillinge umgekehrt zu haben. Zwischen ihnen herrscht eisige Kälte, Noah malt nicht mehr und hängt nun mit den coolen Typen ab. Und Jude, sie hat den Jungs abgeschworen und mutiert zur Einzelgängerin, die mit Geistern spricht.

»Ich wusste nicht, dass man in seinem eigenen Schweigen begraben werden kann.«
– aus „Ich gebe dir die Sonne“ S.68

Ich_gebe_dir_die_Sonne_1Ich gebe dir die Sonne ist ein ganz besonderes Buch, auch wenn ich zwei Anläufe brauchte, um mit ihm warm zu werden. Die Erzählstruktur wie auch der Schreibstil sind nämlich ganz speziell und wohl auch nicht jedermann oder jederfrau’s Sache. Und so war ich bei meinem ersten Versuch 2017 wohl noch nicht parat für dieses spezielle Buch. Erzählt wird die Geschichte nämlich nicht nur aus zwei Perspektiven, sondern auch auf zwei Zeitebenen – alles mit dem Ziel, sich dem Ereignis anzunähern, dass zur emotionalen Entfremdung von Noah und Jude geführt hat. Das erfordert einiges an geistiger Flexibilität. Und grad zu Beginn, wo die Kapitel noch relativ lange sind, brauchte ich auch meine Zeit mich in den jeweiligen Abschnitt rein zu lesen. Das war es wohl auch, was mir im ersten Anlauf so viel Mühe bereitete. Nun aber war es etwas, dass mich an diesem Buch fasziniert hat, dass man sich zwar in der Geschichte verlieren, sich von den wundervollen Worten tragen lassen konnte, aber dennoch den Kopf beieinander haben musste.
Und apropos Worte, die Sprache in Ich gebe dir die Sonne ist absolut ergreifend, poetisch, genial. Mit ihren Beschreibungen und Metaphern weckte Jandy Nelson Gefühle in mir, die ich lange nicht mehr erlebt habe während der Lektüre eines Buches. Ich wurde nur so durch die Seiten getragen und wollte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Und als das Buch dann zu Ende war, tat das ein bisschen weh im Herzen.
Jandy Nelson schafft es allerdings nicht nur mit ihren ungewöhnlichen aber äusserst treffenden Metaphern Gefühle zu wecken. Sie arbeitet auch mit anderen, ungewohnten Stilmitteln. Noahs Gefühlswelten werden ganz oft mit Bildtiteln beschrieben, zum Beispiel so: »Portrait, Selbstportrait: Zwei Jungen springen in die Luft und bleiben oben« (S.131). Und ganz oft wird auch etwas ganz anderes Gedacht, als dann schlussendlich laut gesagt wird.

Keine 0815 Charaktere, keine 0815 Themen

Weder Noah noch Jude fallen in die Schublade mit der Aufschrift „gewöhnlich“. Beide sind auf ihre Art und Weise verrückt und kämpfen darum, sich selbst zu bleiben und sich von niemandem verbiegen zu lassen. Und das ist auch eine wunderbare Botschaft dieser Geschichte, es ist ok anders zu sein.
Eigentlich sind alle Protagonisten in diesem Buch ein klein wenig verrückt und fallen aus dem Rahmen, ob dies nun Brain, der Sterne guckende Nachbarsjunge ist oder der exzentrische Künstler Guillermo. Sie alle sind anders und doch unglaublich liebenswert, vielleicht auch grad wegen ihrer Andersartigkeit.

»Du musst die Wunder sehen, damit es Wunder gibt.«
– aus „Ich gebe dir die Sonne“ S.412

In Ich gebe dir die Sonne geht es aber nur um das anders sein oder darum, sich selbst treu zu bleiben. Es geht auch um Liebe, um Beziehungen in all ihren Formen. Es geht um das Erwachsen werden, aber auch um Missverständnisse, um Trauer, Wut und Schuld. Alles hat in dieser Geschichte Platz, wie im Leben auch. Und auch wenn das Lesen an manchen Stellen schmerzt, so macht das Buch einfach nur glücklich und wärmt das Herz.

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Fazit

Ich durfte mein Lesejahr 2018 mit einem absolut fantastischem Buch beenden. Schon lange konnte mich kein Buch mehr so sehr begeistern und mitreissen, wie dies Ich gebe dir die Sonne von Jandy Nelson tun konnte. Highlight
In ihrer Geschichte ist Platz für ein ganzes Kaleidoskop an Charakteren und Gefühlen, es wird gelacht, geliebt, gestritten und getrauert. Und das alles wird in dieser wunderbaren, poetischen und bildhaften Sprache erzählt, dass mein Kopfkino schier in einem Farbrausch explodiert ist. Ich kann euch also nur raten, lest dieses Buch und lasst euch verzaubern!

Weitere Meinungen

»Ich gebe dir die Sonne -ein Buch das zeigt, dass man die Menschen, die man liebt, auch am meisten verletzen kann. Was Schweigen alles anrichten kann. Wie eine ganz normale Familie durch einen furchtbaren Schicksalsschlag zerbricht und sich entfremdet. Aber auch, wie sie sich dadurch entwickeln und daran wachsen.«Leselust

»Der Roman vereint die Themen Schicksal, Familie, Selbstfindung, Liebe, Groll und Versöhnung zu einer in allen Farben leuchtenden Substanz, die ich jedem nur wärmstens ans Herz legen kann.« – Queerbuch

»Ich gebe dir die Sonne ist für mich ein in vieler Hinsicht außergewöhnliches Jugendbuch mit gelungenen Enthüllungen und emotionalen Abgründen, das ich gerne weiterempfehle.« – schonhalbelf


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