Rezension | VOX – oder wie einer tollen Geschichte nach der Hälfte die Worte ausgehen

VOX | Christina Dalcher | aus dem Amerikanischen von Susanne Aeckerle und Marion Balkenhol | S. Fischer Verlag | August 2018 | 403 Seiten

»Ich rede mir ein, dass es nicht meine Schuld war. Ich habe Myers nicht gewählt. Ich habe überhaupt nicht gewählt, um die Wahrheit zu sagen. Und hier höre ich wieder Jackie, die mir vorwirft, ein fügsamer Trottel zu sein.«
– VOX, S. 107-108

Stellt euch eine Welt vor, in der Frauen nur 100 Wörter am Tag sprechen dürfen, da sie sonst mit schmerzhaften Stromschlägen bestraft werden.
Stellt euch vor, an jeder Strassenecke, in jedem Supermarkt stehen Überwachungskameras, die jede noch so kleine Bewegung registrieren und auf ihren Anteil an Kommunikation überprüfen.
Stellt euch vor, Jungs und Mädchen werden getrennt unterrichtet und den Mädchen wird nicht einmal mehr lesen und rechnen beigebracht.
Das klingt gruselig, nicht? Ist aber die Realität von Jean McClellan und allen anderen Frauen und Mädchen in VOX.

Eine absolut starke Ausgangslage…

Was für ein Buch! Ich sitze schon seit Tagen an dieser Rezension und versuche meine Eindrücke in Worte zu fassen, aber nichts will so recht gelingen. Das Buch bewegt und erregt die Gemüter, die einen finden es unglaublich toll, andere finden es einfach nur schlecht gemacht. Auf mich wirkte es eher so, als habe Christina Dalcher ihre Geschichte nicht zu Ende gedacht. Denn die Ausgangslage ist genial, darin sind sich wohl alle einig. VOX_1

Bereits mit dem ersten Satz stecken wir mitten in der Handlung, die neue Ordnung der Gesellschaft existiert und wird uns nach und nach erklärt. Ich-Erzählerin Jean McClellan (eine ehemalige Wissenschaftlerin) erzählt aus ihrem Alltag, dem Wortzähler, den sie um ihr Handgelenk trägt und der ihr immer die verbleibende Anzahl Wörter für diesen Tag anzeigt. Nur 100 Wörter dürfen weibliche Personen am Tag sprechen, überschreiten sie ihr Kontingent, werden sie mit schmerzhaften Stromschlägen bestraft. Auch Zeichensprache ist tabu, da an jeder Ecke Überwachungskameras installiert sind, die jegliche nonverbale Kommunikation registrieren. Zudem lernen Mädchen in der Schule weder lesen noch schreiben und auch in den eigenen vier Wänden werden alle Bücher weggeschlossen und nur die Männer im Haushalt haben Zugriff darauf.
Erst nach und nach wird einem Bewusst, wie einschränkend diese Massnahmen sind. Kein Kaffeeklatsch mit der Nachbarin, nicht einmal für ein „Guten Morgen!“ reichen die Wörter.  Keine Kochbücher mehr, um die Lieblingsrezepte zu kochen und ausführliche Gespräche mit den eigenen Kindern finden auch nicht mehr statt. Und für Jean wohl mit am schlimmsten, für Frauen besteht keine Möglichkeit mehr zu arbeiten.
In Rückblenden erfahren wir dann, wie es überhaupt zu dieser Situation kommen konnte. Wie die radikal konservative Bewegung der Reinen die „guten alten Zeiten“ glorifizierte, die traditionellen Geschlechterrollen propagierte und die „natürliche Ordnung“ mit dem Mann als Führer wieder herstellen wollte. Und es letztlich in relativ kurzer Zeit auch schafften. Zu viele – unter ihnen auch Jean – taten diese rückständigen Ideen als lächerlich ab und nahmen die Bewegung nicht ernst, aber mehr und mehr wuchs die Zustimmung für die Reinen in der Bevölkerung und was als kleine Idee begann, wurde plötzlich Realität.

»Vielleicht ist es bei den Nazis in Deutschland genau so gelaufen, bei den Serben in Bosnien, den Hutus in Ruanda. Ich habe mir oft überlegt, wie sich Kinder in Monster verwandeln, wie sie lernen können, dass Töten richtig ist und Unterdrückung gerecht, wie sich in einer einzigen Generation die Welt auf ihrer Achse drehen und in einen Ort verwandeln kann, der nicht wiederzuerkennen ist.«
– VOX, S.114-115

Die Ausgangslage hört sich wirklich total spannend und genial an und Christina Dalcher schafft es auch einige wichtige Punkte zu vermitteln. So zum Beispiel der Aspekt der politischen Teilhabe und wie wichtig dass es ist, sich zu informieren und für seine Rechte und Überzeugungen einzustehen. Und damit verbunden das Privileg, wählen zu können, seine eigene Stimme zu nutzen. Ja, das bedeutet Arbeit und Engagement, aber wie es im Extremfall enden kann, zeigt das Szenario in diesem Buch wirklich gut.
Ebenfalls sehr eindrücklich aufgezeigt wird, wie einschränkend und beinahe grausam es ist für das (mehr oder weniger) soziale Wesen Mensch nicht kommunizieren zu dürfen. Mehr als einmal muss sich Jean daran erinnern, dass sie nicht ihren Sohn oder ihren Mann hasst, sondern dass es das System ist, das ihr das antut.

VOX_2

Stellenweise hat mich das Buch auch richtig wütend gemacht. Dann beispielsweise wenn Jean’s Sohn Steven seine Mutter von oben herab behandelt und sie als etwas Minderwertiges betrachtet, weil ihm in der Schule die Ideologie der Reinen eingeimpft wurde. Aber auch die Szenen mit Jean’s Tochter Sonia liessen mich erschaudern, ein Mädchen, dass zu jung ist, um sich an ein „vorher“ zu erinnern und dessen Leben von Fügsamkeit und Schweigsamkeit bestimmt wird. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie eine ganze Generation solcher Frauen aussähe.

… bis ihr dann die Worte ausgehen

Leider ist dieser Abschnitt nicht ganz so spoilerfrei, wie ich gerne hätte. Wenn ihr das nicht lesen möchtet, springt direkt zum Fazit vor. 

So weit so gut, der Weltenbau ist wirklich solide gemacht, packt und weckt Emotionen. Allerdings wars das dann auch bereits. Die Handlung lässt meiner Meinung nach stark zu Wünschen übrig, es wirkt ein bisschen so, als hätte zu dieser genialen Idee auf Biegen und Brechen eine Handlung, eine Geschichte gefunden werden müssen. Und diese Geschichte war für mich leider so gar nicht rund.

»So oft habe ich ihm die Schuld geben wollen, aber ich kann es nicht. Monster werden niemals geboren. Sie werden gemacht, Stück für Stück und Glied für Glied, künstliche Kreationen Geisteskranker, die wie der fehlgeleitete Frankenstein immer glauben, sie wüssten es besser«
– VOX, S.23

Die Handlung an und für sich fand ich einfach nur wirr, schwer verständlich und teilweise an den Haaren herbeigezogen. Und das lag nicht an den vielen Fachbegriffen aus der Neurologie und Neurolinguistik, durch meine Arbeit und mein Studium sind mir Begriffe wie Aphasie oder Broca Areal nicht ganz unbekannt.
Vielmehr störte mich, dass die Handlung beinahe nur in der zweiten Hälfte des Buches stattfand und so richtig zur Sache ging es dann auch nur auf den letzten 100 Seiten. Dafür dann aber so richtig und so Schlag auf Schlag, dass ich nicht mehr mitgekommen bin. Auch nach dem zweiten Mal lesen nicht. Figuren tauchen auf oder verschwinden plötzlich, einige scheinen die Seiten zu wechseln und was das ganze Intermezzo mit dem Affen sollte, weiss ich bis heute noch nicht. Ich hatte den Eindruck, dass einfach nur schnell ein Ende mit möglichst grossem Showdown her musste. Verständlichkeit und Logik waren da nicht mehr so wichtig.
Leider wurde mir dann auch Jean immer unsympathischer. Konnte ich mich zu Beginn noch mit ihr identifizieren, so ging sie mir am Schluss nur noch auf den Keks. Sie nennt ihre Nachbarin eine Schlampe, weil diese eine Affäre hatte, ist aber selbst keinen Deut besser. Ständig vergleicht sie nämlichen ihren Mann Patrick mit dem italienischen Adonis Lorenzo, ihrem Liebhaber und Laborpartner. Und natürlich kommt ihr Mann da ziemlich schlecht weg. Dieses ganze Affärendings hätte wirklich nicht sein müssen. Was mich aber wirklich aufregte, war Jean’s Reaktion auf die geheimen Tätigkeiten ihres Mannes, als er sich quasi im Kampf für die Freiheit opferte. Denn Patrick arbeitete im Verborgenen für eine Widerstandsbewegeung (die im übrigen viel zu kurz kommt im Buch) und ist nun nach seinem Märtyrertod – oh Wunder! – gar nicht mehr so übel. Ernsthaft?! Oberflächlicher geht es nicht mehr.
Überhaupt ist am Ende wieder alles Friede Freude Eierkuchen und alle haben sich lieb.

Fazit

VOX ist eine Geschichte mit ganz viel Potential und einer genial spannenden Ausgangslage, die aber leider so ziemlich komplett in den Sand gesetzt wird. GeschmacksacheWährend mich der Aufbau der dystopischen Ordnung noch begeistern konnte, war die Handlung leider einfach nur wirr und schwer verständlich.
Christina Dalcher schafft es durch ihren Weltenbau dennoch, einige wichtige Themen wie politische Teilhabe und Engagement, aber auch wie essentiell Kommunikation für uns Menschen ist, anzusprechen. In dieser Hinsicht dürfte es sicher für einige Leser und Leserinnen ein Augenöffner sein. Ich kam aber ab einem gewissen Punkt nicht mehr aus dem Kopfschütteln raus.

Weitere Meinungen

»Obwohl Vox so ein wichtiges Thema aufgreift, ist es für mich kein Buch, das bleibenden Eindruck hinterlässt. Das Buch hat wirklich Potential, aber ich finde es wurde nicht richtig ausgeschöpft. Da geht mehr.« – Sternenbrise

»Ein Buch das aufrüttelt, das bewegt, das einen fesselt und lange nicht mehr loslässt. Es bietet rasante Handlung, Spannung, aber auch Gänsehautmomente und viele wichtige Gedankenanstöße.« – Leselust

»Ein von der Thematik her unglaublich wichtiges Buch! Christina Dalcher hat mit ihrem Debütroman Vox den Nerv der Zeit getroffen. Obwohl der Roman eine Dystopie ist, ist die Handlung keinesfalls für die heutige Zeit undenkbar.« – Pan Tau Books


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10 Gedanken zu “Rezension | VOX – oder wie einer tollen Geschichte nach der Hälfte die Worte ausgehen

  1. Liebe Daniela,
    ach, wie schade, dass dir das Buch nicht so ganz zusagen konnte. Ich habe schon viele Beiträge zu dem Werk gesehen und diese waren überwiegend positiv. Ich kann mir bei der Geschichte gut vorstellen, dass sie sich als Verfilmung eignen würde. Was meinst du?
    Alles Liebe,
    Janika

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Daniela,
    aufgrund vieler positiver Meinungen habe ich mir VOX kürzlich gekauft, trotz deiner Kritikpunkte (ich habe deine Rezension mal überflogen, möchte vor dem Lesen immer so wenig wie möglich wissen und unvoreingenommen ans Buch heran gehen) bin ich weiterhin sehr neugierig auf diese besondere Geschichte.
    Viele Rezensenten*innen kritisieren vor allem das schwache Ende. Ich bin mal gespannt, wie es mir dann so ergeht. Auf jeden Fall bin ich wahnsinnig neugierig.

    Liebe Grüße,
    Nicci

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Nicci,
      ich wollte dieses Buch also auch wegen einer negativen Rezension unbedingt lesen. Ich konnte quasi nicht glauben, dass es so schlimm ist, um es mal salopp auszudrücken. Ich fand es dann auch nicht ganz so schlimm, aber enttäuscht und verwirrt war ich dennoch. Ich bin gespannt, was du dann sagst :)
      Grüessli, Daniela

      Gefällt mir

  3. Danke für die tolle Rezi. Ich hab mir das Audiobook vor ein paar Wochen bei Audible geholt und bin schon ganz gespannt. Das Thema klingt sehr interessant, ich will mir gar nicht vorstellen wie es wäre, wenn so etwas wirklich mal passieren würde.

    Lg,Sizz

    Gefällt 1 Person

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