Rezension | Szczepan Twardoch – Der Boxer

Der Boxer | Szczepan Twardoch | aus dem Polnischen von Olaf Kühl | Rowohlt | Januar 2018 | 464 Seiten

»Was willst du denn eigentlich?«
Er hörte auf zu lachen. Schwieg einen Augenblick.
»Ich will König dieser Stadt sein«, antwortete er langsam und überlegt, sprach jedes einzelne Wort sorgfältig aus. »Und ich werde König dieser Stadt sein.« – S. 66

Im März wurde ich durch den Literatur Club von SRF auf das neue Buch von Szczepan Twardoch, Der Boxer aufmerksam. Ich war so fasziniert von der hitzigen Diskussion und dem geschichtlichen Thema des Buches, dass ich noch am gleichen Abend einen Onlineeinkauf tätigte. Und nun eine ganze Weile und diverse Lesepausen später bin ich durch mit dem Buch und hin und her gerissen, zwischen gut und schlecht, einem schonungslosen Erzähler und unerwarteten Plottwists.

Brutal, ehrlich, schonungslos

Mit den Worten »Ich heiße Mojźesz Bernstein, bin siebzehn Jahre alt und ich bin kein Mensch, ich bin ein Nichts…« beginnt die Geschichte. Wir befinden uns in Tel Aviv in einer stickigen Wohnung und ein alter Mann sitzt an der Schreibmaschine und erinnert sich an seine Jugend.

Nalewki
Nalewki – das Reich des Boxers (Bildquelle: http://warszawa.wyborcza.pl/warszawa/1,54420,12373538,Czy_dawne_Nalewki_odzyskaja_nazwe___Jest_dobry_czas_.html?disableRedirects=true)

Er denkt sich zurück nach Polen ins Jahr 1937 und wie er den Boxer Jakub Shapiro kennen lernt. Dieses erste Treffen ist jedoch kein erfreuliches, Shapiro kommt nämlich im Auftrag des Paten Kaplica, weil Mojźesz‘ Vater das Schutzgeld nicht bezahlen kann. So ändert sich an jenem Tag für den Jungen alles, sein Vater stirbt auf grausame Weise, er selbst verlässt seine Familie und wird vom Boxer in dessen Familie aufgenommen. Auf diese Weise kommt der Sohn eines frommen Juden in ein kriminelles Milieu, in dem er sich vielen Formen von Gewalt gegenüber sieht, dem gnadenlosen Eintreiber von Schutzgeld, Schlägertruppen bei politischen Demonstartionen, prügelnde Ehemänner und Freier. Die Warschauer Unterwelt ist gnadenlos und nur der Stärkste überlebt.

»An dem Tag, an dem wir Marylka gerächt haben, müssen wir noch in eine weitere Wohnung eindringen, das Rad des Todes weiterdrehen, Gewalt säen und Gewalt ernten, wie beim Boxen, du steckst einen Schlag ein, gibst zurück, isst und wirst gefressen, du stammst von Gott und kehrst zu Gott zurück, du kommst aus der Erde und wirst zu Erde, wenn dich die Mikroben fressen, das ist Gewalt, alles ist Gewalt…« – S. 213

Mojźesz nimmt uns nun mit in eine Welt die von Gewalt und Unterdrückung regiert wird, zeichnet mit schonungslosen Worten Gut und Böse, Sozialisten und Nationalisten, Polen und Juden.
Den Paten Kaplica, der sein Viertel mit eiserner Hand regiert, seine Freunde unterstützt und all jene gnadenlos und brutal abstraft, die ihn verärgern.
Den in vielerlei Hinsicht begabten Boxer Shapiro, Kaplicas rechte Hand und Frauentyp, der optisch etwas hermacht und sich zu unabhängigen Frauen hingezogen fühlt. Zu Emilia, mit der er in wilder Ehe lebt, zur Bodellbesitzerin Ryfka, mit der er eine wilde Vergangenheit teilt, aber auch zur Polin Anna, der Tochter und Schwester seiner grössten Feinde.
Den Doktor Radziwilek, Kaplicas undurchsichtigen Stellvertreter, der sich nur ungern seine Finger schmutzig macht und seine ganz eigenen Pläne verfolgt.
In seiner Erzählung stockt Mojźesz Bernstein immer wieder, überdenkt seine eigenen Erinnerungen und misstraut ihnen gar. Er stellt sich immer wieder die Frage nach seiner Identität, wie bereits zu Beginn, fragt sich, ob er noch der selbe Mensch sei, wie damals.
Etwas gar merkwürdig anmuten mag das Bild des singenden Pottwals, der über den Warschauer Strassen schwebt, nur vom Erzähler wahrgenommen wird und Zweifel an dessen Ehrlichkeit aufkommen lassen.

Die Sprache ist derb und direkt. Twardoch nimmt in seinen Beschreibungen kein Blatt vor den Mund, schildert wenig zimperlich wie ein Mann viergeteilt wird, Shapiro sich mit verschiedenen Frauen sexuell vergnügt und in Gefängniszellen steht die Scheisse knöcheltief. Manches Mal hatte ich bei der Lektüre ein flaues Gefühl im Magen und fragte mich, ob diese explizite Darstellung von Gewalt, Brutalität und Sexualität wirklich notwendig war. Und ich weiss es auch jetzt noch nicht so recht.

Der_Boxer_2

Historischer Kontext

Geschickt setzt Twardoch seine Geschichte auch in den historischen und politischen Kontext jener Zeit. Die junge Republik Polen steckt noch in den Kinderschuhen, sozialistische und nationalistische Bewegungen stehen sich gegenüber und messen ihre Kräfte. Strassenkämpfe und Pogrome sind keine Seltenheit. So wird es auch für den Paten immer schwieriger seine Position zu behaupten, zumal ihm auch sein eigener Kumpan Radziwilek an den Kragen will.
Neben den fiktiven Gestalten mischen sich in Der Boxer auch immer wieder reale Personen unter das Geschehen, wie zum Beispiel Jósef Pilsudski, Der_Boxer_1Gründungsmitglied der Polnischen Sozialistischen Partei oder Marschall Rydz-Šmigly und Oberst Adam Koc. Das setzt die Geschichte zum einen natürlich wunderbar in den zeitlichen Kontext, zum anderen sorgten diese vielen polnischen und fremd klingenden Namen auch für reichlich Verwirrung bei mir. Ab einem gewissen Moment wusste ich nicht mehr, wer jetzt eigentlich wer ist und welcher Politiker nun zu welchem Lager gehörte. Mein Lesefluss und auch mein Lesegenuss wurden dadurch öfter mal gestört, so dass ich gar mal eine längere Pause eingelegt habe. Wirklich etwas genützt hat es allerdings nicht. Licht ins Namenswirrwarr brachte erst das Nachwort des Übersetzers, der die historischen Ereignisse mit den dazugehörigen Namen kurz umriss. Es ist darum ein absolutes MUSS.

»So waren sie, alle wollten für etwas Grösseres da sein, all die jungen Bundisten, Kominternler, Volkisten, ONRisten, Zionisten, Sozialisten, Kommunisten und Nationaldemokraten. Jeder wollte für etwas leben. Auf dieser Ebene brachten sie sich dafür sogar gegenseitige Achtung entgegen, NDler und Bundisten, Kommunisten und Zionisten, sie konnten, wenn schon nicht ihre Werte, so doch ihren Charakter akzeptieren.« – S. 80

Fazit

Der Boxer lässt mich etwas hin und her gerissen zurück. Zum einen ist es ein starkes Buch, dass den*die Leser*in ins Warschau um 1937 entführt und sowohl die politischen, wie auch die sozialen Entwicklungen kurz vor dem Einmarsch der Nazis veranschaulicht. Lese-TippEin hochaktueller Stoff also, grad bezüglich der Diskussion zum polnischen Anteil am Holocaust. Zum anderen ist das Buch echt nichts für zartbesaitete Gemüter. Die derbe Sprache und die expliziten Gewaltdarstellungen waren für meinen Geschmack manchmal echt an der Grenze des Erträglichen.
Dennoch ist Der Boxer von Szczepan Twardoch ein absolut lesenswertes Buch, das mit starken Charakteren, unerwarteten Plottwists und historischem Bezug punkten kann.

Weitere Meinungen

»Der Boxer ist ein starkes Buch, dass die Fülle an historisierenden Romanen nicht nur bereichert, sondern aus ihnen heraussticht. « – Makollatur

»Mit „Der Boxer” ist Szczepan Twardoch ein starkes Stück Literatur gelungen. Wie er seine Akteure in die gesellschaftlichen und politischen Umstände einbindet und daraus ein schonungsloses und intensives Gangsterdrama komponiert, hat mich begeistert.« – Bücherkaffee


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3 Gedanken zu “Rezension | Szczepan Twardoch – Der Boxer

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